G R O U N D F E V E R
  Kurdistan
 

25.-31.12.2013 --- Das wilde Kurdistan

Die Weihnachts-Feiertage präsentierten sich in diesem Jahr ja mal wieder äußerst arbeitnehmerfreundlich, da man mit nur zwei Tagen Urlaubsaufwand von Heiligabend bis Neujahr frei hatte. Mir liegt zwar grundsätzlich eher wenig an diesem ganzen Weihnachtsgehampel mit Geschenken, Tannenbaum, blinkenden Lämpchen und dem ganzen Firlefanz, aber ich bin nicht (wie andere Experten) durch mein Hobby entsozialisiert, sondern weiß Freundschaften und vor allem meine familiären Bande zu pflegen. Daher stehe ich auch in der Pflicht, am Heiligen Abend daheim zu sein. 'Pflicht' ist allerdings auch der falsche Ausdruck, da diese Entscheidung ja mein eigener freier Wille ist. Denn wenn mir irgendetwas an Weihnachten wichtig ist, dann an Heiligabend mit meiner Familie zusammen zu sein, in Ruhe zu essen und danach entspannt ein gutes Glas Wein oder ein Bier zu trinken. Aus diesem Grunde ist es mir erst ab dem 1.Weihnachtstag möglich, die freien Tage für eine kleine Tour zu nutzen. Bild Kurzzeitig wurde noch die Golf-Region ins Auge gefasst. Favorisiert wurden Marokko und der Iran. Irgendwann kam ich mit Daniel aus Saarbrücken darauf zu sprechen, gemeinsam eine Tour anzugehen, da wir auch länger nix mehr zusammen gemacht hatten. Im Iran wurden aber für die Weihnachtswoche dann gar keine Spiele angesetzt und der betreffende Spieltag in Marokko bot nichts Spannendes und kam für Daniel eh nicht in Frage, da er erst kurz vorher zur Club-WM dort weilte. Als ich dann anmerkte, dass ich halt in die Türkei reisen wolle, wenn alle Stricke reißen, sagte Daniel eher beiläufig "aber nur wenn wir den Irak mitnehmen". Nun gut - warum eigentlich nicht?! Ist doch auf spezielle Art ein besonderer Ort. Und außerdem gehört das Gebiet des Irak zur 'Wiege der Zivilisation', dem früheren Mesopotamien, in dem die frühesten Hochkulturen der Menschheit entstanden. 

Damit war das Ziel dann erkoren und erste Infos wurden eingeholt. Für den Irak benötigt man eigentlich ein Visum. Unser Ziel war jedoch der Norden des Landes, genauer gesagt die 'Autonome Region Kurdistan', die unter eigenständiger Verwaltung steht und für die man als EU-Bürger kein Visum sondern lediglich den Reisepass benötigt, um eine 15-tägige Aufenthaltserlaubnis zu erhalten. Kurdistan, weil hier eine stabile Sicherheitslage herrscht, während in den zentralen und südlichen Landesteilen, also im arabischen Irak, schwere Terror-Anschläge ja beinahe an der Tagesordnung sind. Für den kurdischen Teil des Irak waren zum Zeitpunkt der Buchung zwei für uns interessante Spiele in Erbil (Tabellenführer) und Duhok (Derby gegen Zakho) angesetzt und wir hofften, dass der Spielplan nicht verändert werden würde und wir eines der beiden Spiele zu sehen bekämen. Geflogen werden sollte nur bis Mardin im Südosten der Türkei. Einerseits, weil Flüge direkt nach Erbil recht teuer waren. Andererseits weil das Grenz-Gemokel ja doch irgendwie immer ein besserer 'Kick' ist, als zwar zeitsparender aber eben auch langweiliger durch die Luft einzureisen. Daniel buchte sich die Gabel Stuttgart-Mardin-Frankfurt, da er wegen eines anstehenden 24-Stunden-Dienstes auf jeden Fall vor dem Silvester-Tag zurück sein musste, während ich zunächst nur den Hinflug ab Köln nach Mardin erwarb, da ich auch noch auf ein Spiel in der Türkei spekulierte und die Ansetzungen abwarten wollte. Beide wählten wir 'Turkish Airlines' und sollten beim Transit am 'Istanbul Atatürk Airport' zusammentreffen. Leider wartete ich letztlich doch zu lang mit der Buchung, so dass ich für den Oneway-Trip statt ursprünglich kommunizierten 180 Euro, letztlich 233 Euro berappen musste. Eigene Schuld. Wenn man mit den Reisedaten nicht flexibel sondern an feste Tage gebunden ist, kann Spekulation ja nur schief gehen. Damit stand dann aber das Grundgerüst erst einmal.

Aber erstens kommt es ja anders und zweitens als man denkt. Und drittens erst recht in diesen Ländern, wo ja die Spielpläne ständig durcheinander gewirbelt werden. Etwa zwei Wochen vor der Abreise tauchten auf einmal Länderspiele im Spielplan auf. Grund war der 'West Asian Football Federation Championship', der eigentlich alle zwei Jahre ausgetragen wird und daher erst 2014 wieder an der Reihe gewesen wäre. Warum auch immer wurde aber nun bereits dieses Jahr gespielt. Damit waren plötzlich alle Ligaspiele für 'unser' Wochenende erst einmal 'postponed' - schöne Scheiße. Bild Als Notlösung hatten wir allerdings noch die 'Kurdistan Premier League' in der Hinterhand, die im kurdischen Irak neben der 'Iraqi Premier League' ebenfalls noch ausgetragen wird. Hier sollten am Freitag vier Spiele über die Bühne gehen. Da die Infos allerdings nur in kurdischer Sprache, dem 'Sorani', verfügbar waren, konnten wir hier erst vor Ort ins Detail gehen. Die türkische Liga terminierte auch nicht so, wie ich mir das erhofft hatte, so dass kein Spielbesuch im Osten der Türkei möglich war. Stattdessen buchte ich mir dann eine Woche vor Tourbeginn für je knapp über 30 Euro die 'Pegasus'-Flüge von Diyarbakir nach Istanbul-Sabiha und Istanbul-Atatürk nach Izmir mit dem Ziel, am Sonntag-Abend das Fener-Heimspiel und am Montag-Abend das Zweitligaspiel in Manisa anzutischen. Plötzlich war dann aber der 'Iraqi Premier'-Kick in Duhok wieder on. Zwar nicht für Samstag, sondern für Sonntag, aber das nährte die Hoffnung, dieses Derby doch noch sehen zu können. Auf jeden Fall war schon mal klar, dass ich von Izmir heimfliegen würde (das Manisa-Spiel blieb ja Bestandteil des Plans) und buchte mir mit 'Sun Express' den nötigen Heimflug nach Düsseldorf für den Silvester-Tag. Unverschämte 196 Euro waren für den Trip mit dieser Rotz-Airline fällig, aber in diesem Fall hatte ich keine Wahl. Wenn ich nicht Silvester wieder zu Hause sein würde, würde mir die 'Chefin' das Fell über die Ohren ziehen.  

Mi. 25.12. - Abreise
 
Die weihnachtlichen Verpflichtungen hielten mich länger in Schach, als ich es wollte. Und so wurde alles ein wenig hektisch und auf den allerletzten Drücker ging es ab nach Köln. Meine Herzdame fuhr mich dankenswerter Weise zum Flughafen und da die Autobahn schön leer war, passte alles noch ganz gut. Der Service von Turkish Airlines war wieder hervorragend. Nur dem Luftraum war es egal, denn der hatte einige Turbulenzen zu bieten. Der Bordservice wurde trotzdem nicht unterbrochen. Ein Wunder, dass ich mir bei dem ständigen Auf und Ab nicht mit der Gabel die Wange perforiert habe. Pünktlich erreichten wird den 'Istanbul Atatürk Havalimani' und nach einer guten Stunde traf auch Daniel mit dem Flug aus Stuttgart ein. Da der Weiterflug erst für 7:00 Uhr am nächsten Morgen angesetzt war, hatten wir eine Nacht am Flughafen gewonnen. Nach ein wenig Gelaber fuhren wir per Taxi in den Stadtteil Yesilköy und ließen uns in einer Bar auf zwei Bier nieder. 

Do. 26.12. - Einreise in den Irak

Gegen 3:00 Uhr waren wir wieder am Airport. Eigentlich sind die Voraussetzungen am Domestic Terminal gar nicht so schlecht, aber in den Schlaf fanden wir trotzdem nicht so wirklich. Nach etwas mehr als einer Stunde hatte es sich mit Schlafen erledigt und bis zum Abflug wurde nur noch die Zeit totgeschlagen. Mit ein wenig Verspätung hob der voll besetzte Vogel ab und landete um zwanzig nach neun am 'Mardin Airport', einem kleinen Provinz-Flughafen, der der Stadt Kiziltepe näher ist als dem namensgebenden Mardin. Im Ippzippzapp-Spiel wohin, gewann Kiziltepe aufgrund der kürzeren Distanz zum Flughafen gegen Mardin. Der Linienbus brachte uns also zum Otogar von Kiziltepe. Bild Nur wenige Sekunden nachdem wir dort unser Anliegen ausgesprochen hatten, hatte uns schon ein Typ am Wickel der uns in sein Büro schleifte. Um 11:30 Uhr sollte ab Mardin ein direkter Bus nach Erbil gehen. Von Kiziltepe gebe es keine Möglichkeit auf direktem Wege dorthin zu gelangen. Mussten wir erst einmal so glauben, stellte sich im Nachhinein aber als völliger Blödsinn heraus. Aber der Mann wollte natürlich Geld verdienen und wusste deshalb selbstverständlich nichts von einer Verbindung Kiziltepe nach Erbil. Da es keine gemeinsame sprachliche Basis gab, funktionierte die Kommunikation schließlich so, dass der Agentur-Mokel einen des Englischen mächtigen Bekannten anrief, der für uns aus der Ferne den Dolmetscher machte. Für 100 Lira pro Nase erwarben wir schließlich die Tickets für den Bus des Anbieters 'Cizre Nuh' von Mardin nach Erbil. In Nullkommanix saßen wir im Agentur-Auto, das uns zum Abfahrtspunkt in Mardin brachte. Bild Dort hatten wir noch Zeit, uns mit frischer Währung und Proviant zu versorgen und bald saßen wir im etwas verspäteten Bus mit Destination Irak. Die Fern-Busse in dieser Region haben einen sehr hohen Standard. Gute Beinfreiheit, guter Komfort und alkoholfreie Getränke werden auch wiederholt gereicht. Wie an der Schnur gezogen ging es immer geradeaus parallel zur unmittelbar benachbarten syrischen Grenze mit Stacheldrahtzäunen und Wachtürmen im DDR-Retro-Style gen Osten. Über Nusaybin, Cizre und Silopi erreichten wir nach dreieinhalb Stunden die Grenze Habur/Ibrahim Khalil. Bereits ab Silopi, also ab 15 Kilometer vor der Grenze, stehen Lkw in Doppelreihe in der Warteschlange zum Grenzübertritt. Keine Übertreibung! Das muss man mal gesehen haben. Bild Es ist nahezu unglaublich, dass diese Abwicklung überhaupt funktioniert, denn es sieht aus als hätte man längst die Kontrolle über die Lage verloren. Dadurch dass das Land beinahe allein von den gewaltigen Öl- und Gasvorkommen lebt, aber industriell völlig unterentwickelt ist, besteht ein hoher Warenbedarf aus dem Ausland. Lebensmittel ausgenommen, ist man in beinahe allen Sparten auf Importe angewiesen. Es gibt jedoch mit Basra nur einen (eher unwichtigen) Seehafen und das Schienennetz liegt brach - momentan wird nur die Strecke zwischen Basra und Bagdad betrieben, so dass der Lkw-Verkehr beinahe Monopolstellung hat. Jedoch gibt es nur wenige Grenzübergänge. Bild Habur/Ibrahim Khalil ist der einzige Anbindung zur Türkei und damit an die Mittelmeerhäfen und Europa, wodurch sich dieses Wahnsinns-Lkw-Aufkommen erklärt. Es soll ungefähr eine Woche dauern bis ein Lkw mit normaler Fracht (verderbliche Ware wird bevorzugt behandelt) abgefertigt ist und die Grenze passiert hat. Dagegen waren die Wartezeiten an den Grenzen zwischen dem westlichen Europa und den Staaten des Warschauer Paktes wohl nur ein feuchter Furz! Pkw und Busse können dürfen freilich an der Blech-Kolonne vorbeiziehen. Die Einreise in den Irak war daher nach etwas mehr als einer Stunde erledigt. Der Ausreisestempel ist schnell im Pass, sofern man in der Lage ist, sich mit den Ellbogen in der Menschentraube vor dem einzigen Schalter durchzusetzen. Vor der Einreise wird das Gepäck durchleuchtet, im Einreise-Gebäude dann der 15-Tage-Stempel in den Pass gedonnert und es heißt 'Welcome to Iraqi Kurdistan Region'.

Bild Die bereits 1970 gegründete 'Autonome Region Kurdistan' ist ein Staat im Staat. De facto gibt es eine eigene Flagge, eine eigene Hymne sowie eine eigene Verfassung. Was fehlt, ist die Anerkennung der internationalen Gemeinschaft, so dass man außenpolitisch weiterhin dem Irak zugehörig ist, obwohl man innerhalb des Landes verfassungsrechtlich zugesicherte Souveränität genießt. So einfach wie sich das hier liest, ist allerdings nicht. Bei den von der irakischen Regierung anerkannten und die von der kurdischen Führung geforderten Gebiete gibt es eine große Schnittmenge. Daher ist ein Aufenthalt in den Misch-Regionen zwischen dem kurdischen und arabischen Irak auch nicht zu empfehlen. Man ist zwar bestrebt, eine endgültige und friedliche Lösung zu finden. Dass dieses aber keine einfache Aufgabe ist, zeigt sich darin, dass dieser Prozess weiterhin vor sich hin schwelt, obwohl bereits für das Jahr 2007 der Abschluss geplant war. Während es in den Gebieten um Kirkuk und Mosul immer wieder - wenn auch bei weitem nicht so oft wie in Bagdad - zu Terror-Akten und Auseinandersetzungen kommt, ist die Lage im inneren Kurdistan mit den Metropolen Erbil, Duhok und Sulaimaniyya völlig ruhig. Der grundsätzlich eher gemäßigte Grenzkonflikt zwischen Kurden und Arabern und erst recht nicht der arabisch-irakische Konflikt zwischen Sunniten und Schiiten gelangt nicht bis dorthin. Dieses erkennt auch die westliche Welt, deren Länder (auch Deutschland) nach und nach Konsulate in Erbil eröffnet haben. Kurz hinter der Grenze machte unser Bus eine längere Pause. Mittlerweile war es gegen 17:00 Uhr Ortszeit (plus 2 Stunden zur MEZ) und stockdunkel. Daniel und ich entdeckten ein Internet-Cafe, das wir nutzen wollten um die Ansetzungen ein weiteres Mal zu checken und möglichst jemanden hinzuziehen, der uns diese dämliche Website der Kurdistan F.A. übersetzt, die ja in 'Sorani' gehalten ist. Obwohl es ja die offizielle Amtssprache Kurdistans ist, mussten wir während unseres Aufenthalts die Erfahrung machen, dass diese keinesfalls von jedem verstanden wird. Zumindest nicht in schriftlicher Form. Zur Niederschrift werden nämlich persische Schriftzeichen mit entsprechenden Sonderformen verwendet. Damit das ganze dann auch nicht zu einfach ist gibt es im 'Sorani' mehrere Dialekte, die sich teilweise gravierend unterscheiden. Keine Ahnung, wer sich diesen Scheiß ausgedacht hat. Denken sich wohl auch viele Kurden, weshalb sich die kurdisch-lateinische Schrift eben mehr und mehr durchsetzt. Als wir da so im Internet-Cafe saßen und von den Weisen des Landes (oder waren es doch nur der Inhaber und ein Lkw-Fahrer?) helfen lassen wollten und uns diese zumindest schon einmal die Vereinsnamen übersetzten, machte es auf einmal "BATZ" und nicht nur das Café sondern das gesamte Rastplatz-Gelände lag im Dunkeln. Stromausfall. Sehr geil, wie auf einmal die anwesende Bevölkerung durch die Dunkelheit tastete und nur noch das Licht der Lkw-Scheinwerfer bei der Orientierung half. Willkommen im Orient. Unsere Bus-Lenker wollten eh weiter, also ließen wir die Fürsten der Finsternis zurück und bewegten uns stetig gen Erbil. Die Fernstraßen im kurdischen Teil des Irak sind gut ausgebaut und bis auf sehr wenige Teilstrecken mindestens zweispurig. Der eh nicht sehr volle Bus leerte sich gen Erbil immer mehr und der Busbegleiter gesellte sich zu uns, um ein kleines Schwätzchen zu halten. Dieses fand selbstredend in Gebärdensprache statt, da der Gute kein Englisch sprach. Daniels Smartphone half mit einem Deutsch-Türkisch-Wörterbuch ein wenig aus. Einige Minuten nach 21:00 Uhr hatten wir unser Ziel erreicht. Die Busse schmeißen sich nicht ins Getümmel der Städte, sondern halten an den Büros der Busgesellschaften an, die sich in der Peripherie befinden.

BildAls wir ausgestiegen waren, fragte Daniel direkt jemanden auf Englisch, wo ein Hotel zu finden sei. Das war der Moment, als Ihsan in unser Leben trat. Der Bus dient neben seiner eigentlichen Funktion auch als Parcel-Service und ein in Anzug und Krawatte gewickelter etwas möppeliger Business-Typ, der ein Paket entgegennahm, rief direkt 'I can help you'. Hörte sich gut an, also halfen wir ihm, seine Sachen im Auto zu verstauen, stiegen ein und baten ihn, uns zu einer city-nahen, nicht zu teuren Herberge zu chauffieren. Er überlegte kurz und sagte dann, dass seine Frau bei ihrer Familie in der Türkei weilen würde und wir auch gern bei ihm wohnen könnten. Nun waren wir dran mit Überlegen, aber sagten dann nach kurzer Absprache zu. Schließlich wollten wir ja Land und Leute kennenlernen und näher, als wenn man bei einem Einheimischen wohnt, kommt man ja an die Bevölkerung nicht ran. Ihsan, der zusammen mit seinem Bruder mit allen möglichen Waren handelt, die er an die Carrefour-Kette verkauft, die in Kurdistan Märkte eröffnet hat, musste noch etwas in einer Mall erledigen. Wenn man mal davon absah, dass in der Mall ziemlich rumgemokelt wurde und - bis auf unsere - nur dunkle Köppe zu sehen waren, war alles wie in den Luxus-Malls der USA oder Dubais. Bekleidungsmarken der höheren Kategorie und teure Luxus- und Elektronik-Artikel bestimmten das Bild. In der oberen Etage sind haufenweise Fress-Tempel in allen Varianten. Wir gönnten uns was Fleischiges und fuhren dann zu Ihsans Haus. Die weiße asiatische Mittelklasse-Limousine war mittlerweile gegen einen großen Geländewagen mit V8-Motor getauscht worden. Der Liter Sprit kostet im Irak 40 Euro-Cent. Da schockt es auch nicht, dass die Verbrauchs-Anzeige konstant auf 18 Litern hängt. Man sieht überhaupt sehr viele großhubraumige Karren. Der Straßenverkehr funktioniert regionstypisch. Es scheint sowieso nur zwei Verkehrsregeln zu geben. Regel 1: Wer durchzieht, hat Vorfahrt. Regel 2: Wenn die Ampel rot ist, darf man noch so lange in die Kreuzung fahren, bis der Querverkehr dann doch mal durch will. Das Vorhaben irgendwo noch ein paar Gerstensäfte aufzutreiben scheiterte leider. Es gibt zwar durchaus Alkohol-Shops - zumindest im sehr christlich geprägten Vorort Ainkawa, den wir auf dem Weg zu Ishans Behausung durchqueren mussten - aber diese waren zu dieser späten Uhrzeit längst geschlossen. Bild Stattdessen legt wir den Schalter um 180 Grad auf 'gesund' um und kauften verschiedene Obstsorten. Ishan bewohnt ein Haus in einer reinen Wohnsiedlung, die beinahe ausschließlich aus Einfamilien-Häusern besteht. Das sieht im Grunde nicht großartig anders aus als in Westeuropa. Allerdings verfügen die Häuser weder über ein Heizungssystem, noch über einen Keller oder eine Isolierung. Das hat zur Folge, dass es rattenkalt in der Bude war, denn auch im Irak herrschte Winter und die Temperaturen tendierten in der Nacht zum Gefrierpunkt. Was macht also der Iraker? Er lässt die Klimaanlage auf Höchsttemperatur brutzeln und stellt sich einen elektrischen Heizlüfter in den Wohnraum. Strom scheint wohl auch nicht so teuer zu sein. Zum Glück verfügt Kollege Ihsan über WLAN, so dass wir neben ein wenig Quasselei noch unsere Fusek-Recherche fortführen konnten. Vier Partien sollten am nächsten Tag in der Kurdistan-League über die Bühne gehen. Eine davon in Kirkuk und zwei in Sulaimaniyya. Zeitweise dachten wir darüber nach, uns nach Kirkuk zu wagen - Ihsan zeigte sich wenig begeistert - letztendlich siegt aber die Vernunft. Zwar wäre das nur etwas eine Stunde Fahrt gewesen, aber wenn man mal seine drei noch vorhandenen gesunden Gehirnzellen in die richtige Position bringt, muss ja auch klar sein, dass man sich für ein bescheuertes Fußballspiel ja nicht unnötig in Gefahr bringen muss. Das Problem an den Spielen in Sulaimanniyya war, dass wir nicht ansatzweise herausfinden konnten, wo dort gespielt werden würde. Nun gut, blieb ja noch das vierte Spiel auf der Liste. Die Heim-Mannschaft wurde uns mehrfach mit 'Henderin' übersetzt, allerdings ohne dass jemand die Info beibringen konnte, wo der Club beheimatet sein soll. Während ich ja noch das Iraqi-Premier-Derby in Duhok in der Hinterhand hatte, war es aber für Daniel extrem wichtig, eins der Kurdistan-Spiele sehen zu können, wenn er nicht ohne Länderpunkt wieder verschwinden wollte. Wir schmiedeten zusammen mit Ishan den unfassbar scharfsinnigen Plan, am nächsten Morgen einfach mal zum Stadion in Erbil zu fahren, um zu sehen, ob wir dort an weitere Infos kommen. Ihsan überließ uns das eheliche Schlafzimmer und machte es sich auf der Couch im Wohnraum gemütlich.

Fr. 27.12. 14:30 - Handren SC vs Zakho FC 1:0 (Kurdistan Premier League), 400 Zuschauer (5 Gäste) 

Um 8:00 Uhr klingelte der Wecker. Frühstück fiel aus, stattdessen versuchten wir der etwas abenteuerlichen Dusch-Installation warmes Wasser zu entlocken, was Daniel wohl deutlich besser gelang als mir. Naja, ich werde schon nicht der Einzige gewesen sein, der ungewaschen durch die Straßen Erbils schlich. Bild Das Wetter bot uns wolkenfreien blauen Himmel bei etwa 15 Grad. So sollte es auch die nächsten Tage bleiben. Ihsan fuhr mit uns zum 'Franso Hanriri Stadium' des Erbil FC. Bild Dort regte sich auf dem Nebenplatz Leben in Form eines Jugendspiels, auf das sich die teilnehmenden Mannschaften vorbereiteten. Ganz im Stile wichtiger westlicher Scouts latschten wir quer über das Spielfeld (eine kleine unüberdachte Tribüne für etwa 500 Personen) auf die Betreuer zu, grüßten weltmännisch und trugen mit Ihsans Hilfe unser Anliegen vor. Daniel konnte mittels Foto der Ansetzungen Anschauungsmaterial beibringen und nach anfänglicher allgemeiner Ratlosigkeit stellte sich heraus, dass die rätselhafte vierte Partie der Kurdistan-Liga in Erbil gespielt werden würde. Handren SC heißt der bis dato unbekannte Club und nach grober Erläuterung durch die versammelte Betreuer-Schaar ging bei Kumpel Ihsan die Glühbirne an und er glänzte mit der Info, dass er wüsste wo das kleine Stadion sei. Na perfekt, warum nicht gleich so?! Um 14:30 Uhr würde der Kick-off sein, so dass wir noch ausreichend Zeit hatten, uns mit der Stadt zu befassen. Ein herzliches 'Sipas' (Danke) an die Vereinsmokel. Erbil hat über eine Millionen Einwohner. Die Stadt wächst rasant. Innerhalb der letzten Jahre wurden um Erbil mehrspurige breite Ringstraßen angelegt. Villenviertel und Malls sind entstanden. Dubai ist das viel gepriesene Vorbild. Man versteht sich als neues Wirtschaftszentrum der vorderasiatischen Welt. An allen Ecken und Enden wird gebaut. Hier und da schießen neue Gebäude in die Höhe, allerdings offensichtlich völlig ohne Sinn und Verstand. Denn bis vor kurzem existierte keine geregelte Stadtplanung, was eine deutliche Zersiedelung zur Folge hatte. Dieses versucht man nun durch einen auf zwanzig Jahre ausgelegten Flächennutzungs- und Bebauungsplan zu korrigieren. Auf jeden Fall legt die Stadt ein ungeheures Tempo vor. Das auf 'Google Maps' abzurufende Satellitenbild hat nicht mehr im Ansatz mit dem aktuellen Stand der Dinge zu tun. Bild Bild Ihsan setzte uns unweit der alten Zitadelle ab. Die Zitadelle beherrscht das Stadtbild, da sie auf einem Hügel circa 30 Meter über der Unterstadt trohnt. Die Stadt Erbil soll über 4000 Jahre alt sein. Ursprünglich war die Stadt, wie die ganze Region, christlich geprägt, wurde aber über das frühe Mittelalter durch den zunehmenden orientalischen Einfluss muslimisch. Der Siedlungshügel. auf dem sich die Zitadelle von Erbil befindet, soll der am längsten durchgängig bewohnte Ort der Welt sein. Besiedelungsspuren reichen bis ins 5.Jahrtausend vor Christus zurück. Vor einigen Jahren wurde eine Organisation gegründet, die die Restaurierung der stark beeinträchtigten Gebäude durchführen und damit den Erhalt des Gesamt-Bauwerks sicherstellen soll. Bild Bild Als folge davon wurde sämtliche Einwohner umgesiedelt und entschädigt. 2010 wurde mit den Arbeiten begonnen. Leider kann man aus diesem Grunde nur einen kleinen Teil der Zitadelle betreten. Sehr schade, da man nicht in die verwinkelten engen Gassen vordringen kann, die wohl den besten Eindruck früherer orientalischer Lebensweise vermittelt hätten. Umso interessanter sind die Szenerien, die sich am Fuße des Hügels abspielen. Hier tobt das wahre Leben. Es wird mit allem gehandelt was man sich nur vorstellen kann und es herrscht ein riesiges Rumgemokel. Zwischen dem ganzen 'Jalla! Jalla!' finden ausreichend Schuhputzer, Teestuben und Barbiere Platz. Teilweise kommt man sich vor wie im Film. Eigentlich hatten wir vor, uns beim Barbier eine Rasur zu gönnen, doch während wir auf der Wartebank saßen, machte es mal wieder "BATZ!" und das Stadtzentrum war ohne Strom. Den Vorschlag des Barbiers, am Nachmittag wiederzukommen, mussten wir leider ablehnen, da hatten wir Besseres zu tun. In Nullkommanix wurden fast alle Geschäfte in und um den Basar geschlossen - was die Friseure mit den Kunden veranstalteten, die gerade in 'Behandlung' waren, blieb uns verborgen. Ob die sitzen blieben, bis der Strom wieder kam...? Mann, der Orient ist auch nicht mehr das, was er mal war. Vor ein paar hundert Jahren wurde zum Feilschen auch kein Strom benötigt. Die Teezubereitung auf offener Flamme erfordert zum Glück keinen Strom, also ließen wir uns am Straßenrand in einer Teestube nieder und beobachteten das Treiben vor uns bis Kumpel Ihsan auftauchte, um uns abzuholen.

Bild Ein wenig planlos fuhren wir zunächst durch die Gegend, bis bei Ihsan plötzlich wieder die Glühbirne anging und er mit einem 'I can remember' zielstrebig das kleine, schmucke Stadion ansteuerte. Im ersten Moment dachte ich an einen schlechten Scherz. Bild Zwar erhebt sich an einer der Längsseiten eine neue Sitztribüne mit verglastem und überdachtem Bereich für etwa 2500 Zuschauer. Aber dass auf dem davor befindlichen Sandplatz gespielt werden würde, konnte ich zuerst nicht glauben. Sandplatz...? Bei genauerem Hinsehen entpuppte sich der Belag tatsächlich als Rasen. Definitiv der verdorrteste Rasenplatz, den ich je gesehen hatte. Mehr als eine Stunde vor dem Anstoß waren wir nun da. Eine Handvoll Gäste-Anhänger und ein Fotograf waren bereits eingetroffen - oder gehörten die sogar zum Stab des Gastvereins... keine Ahnung - und waren begeistert, dass sich so wichtige Köpfe der westlichen Welt ein Spiel ihres Vereins ansehen wollten. Während wir da so standen und uns mit Ihsans Hilfe austauschen, kam dann auch der Spielerbus des Zakho FC und die Mannschaft ließ es sich natürlich ebenfalls nicht nehmen uns per Handschlag zu begrüßen und für unseren Besuch zu danken. Bild Recht so! Ein wenig Zeit war noch bis zum Anstoß, daher machten wir uns noch mal vom Acker, um in einem nahen Restaurant, das wohl eher von besseren Schichten frequentiert wird, ein viel zu teures Sandwich und einen viel zu teuren Cappuccino zu trinken. Zurück am Stadion, sah es dann auch endlich nach Fußball aus. So wie es sich für diese Region gehört, kamen bis weit in die erste Hälfte noch Fußball-Interessierte, die sich am kostenlosen Gebolze ... nun ja... erfreuen wollten. Bild Was sich auf dem holprigen Geläuf - auch wenn die Qualität zum Teil sicherlich eben diesem Untergrund geschuldet war - abspielte, war schon schwere Kost. Der Gastverein aus Zakho ist ja auch Teilnehmer der sportlich deutlich höher einzustufenden 'Iraqi Premier League'. Es ist aber so, dass die Iraqi Premier-Clubs Kurdistans für die Spiele der 'Kurdistan League' fast ausschließlich Reserve- und Nachwuchsspieler abstellen. Die Gastgeber konnten gegen Ende der ersten Hälfte begünstigt durch einen Stellungsfehler des Zakho-Schnappers in Führung gehen. Im gesamten Spiel blieben Torchancen ansonsten Mangelware. Die Gäste wirkten zwar durchdachter und strukturierter, aber Handren hatte den größeren Willen und eben in der einen Situation das nötige Quäntchen Glück. Unser Gastgeber kam wie verabredet, um uns abzuholen. Hierbei lernten wir dann seinen Bruder und einen weiteren Mitarbeiter seiner Firma kennen. Diese setzten wir am Firmensitz ab und Ihsan fuhr uns zu einem Barbier, da wir ja noch eine Rechnung mit unserem Haar- und Bartwuchs offen hatten. Mir reichte die Rasur aus. Daniel verlangte zusätzlich den Haarschnitt. Aus seinem Wunsch 'Like Cristiano Ronaldo' wurde zwar eher Wayne Rooney, aber Hauptsache die Matte war mal ab. Danach verlangte der Magen mal wieder nach Füllung und wie ließen uns in einem Kebap-Restaurant nieder. Vor der eigentlichen Bestellung bekommt man schon alle möglichen köstlichen Gemeinheiten der orientalischen Küche geliefert. Bild Salat, Hummus, Couscous, kleine Chilis, schwarze Oliven, Cacik, Ekmek... einfach lecker... könnte ich mich drin wälzen. Dazu ließen wir uns je einen Chicken-, Lamb- und Kebap-Sis kommen. Schöne Schlemmerei. Gut gesättigt riefen wir wie vereinbart Ishan, der unsere Einladung zum Essen ausschlug, da er bereits am Nachmittag gespeist hatte. Die nächste Herausforderung war, ein paar Biere aufzutreiben. Das gelang aber wieder nicht. Während alle 'normalen' Geschäfte noch geöffnet waren, hatten die Alkohol-Shops nach 21:00 Uhr bereits geschlossen. Ob das generell so war oder am heutigen Freitag, dem muslimischen Sonntag, lag, blieb unklar, da Ishan ja sowieso nie Alkohol kauft. Dabei hatte er die Frage, ob er Muslim sei mit einem lachenden 'I am everything' beantwortet. Die Lösung für unser Verlangen nach Gerstensaft hieß nun 'Deutscher Hof Erbil'. Wir hatten in einem Online-Artikel davon gelesen. Ein Thüringer Koch hatte zunächst in Kabul einen 'Deutschen Hof' eröffnet. Als es dort zu brenzlig wurde, verschwand er mehr oder weniger bei Nacht und Nebel und eröffnete sein neues Restaurant in Erbil. Bild Da sich dieses Restaurant fast zwangsläufig im christlichen Ainkawa, versuchten wir es nun zu finden, was dank Daniels Smartphone und ein wenig Sucherei auch gelang. Der halbe Liter deutsches Bier schlägt hier zwar mit umgerechnet über fünf Euro zu Buche, aber das war es uns in dieser Situation wert. Die Wahl fiel auf 'Wernesgrüner'. Ihsan bestellte sich anti-alkoholische Chicken Nuggets. Lange hielten wir uns allerdings nicht auf. Nach einer Bierlänge steuerten wir Ihsans Haus an. Da spätestens nach Bestätigung durch die Zakho-Mokel klar war, dass ich das Derby in Duhok am Sonntag sehen konnte, hatte ich noch die Aufgabe mir den passenden Flug ab Mardin zu buchen. Dass Pegasus den Direktflug nach Izmir anbietet, wusste ich schon. Leider wollte die Website der Homepage meine Kreditkarten-Daten nicht akzeptieren, so dass ich auf Umwegen über eine der üblichen Internet-Anbieter buchen musste und der Flug ein paar Euro teurer wurde, aber sei's drum. Die paar Euro verschwinden in den Gesamtkosten der Tour. Damit waren natürlich die Pegasus-Flüge nach Istanbul und von dort nach Izmir hinfällig, weshalb sich die Airline über eine 70 Euro-Spende freuen durfte. Was tut man nicht alles für 90 Minuten vorderorientalisches Rumgebolze. Viel zu spät ging es wieder in die Falle. Der Weckzeitpunkt für den nächsten Tag wurde auf 7:00 Uhr gefixt, weil Ihsan kurzfristig noch ein Meeting im Büro anberaumt hatte.

Sa. 28.12. - Duhok

Um 7:00 Uhr schellte der verhasste Wecker. Wieder reichlich wenig Schlaf. Kumpel Ihsan verschlief ne gute Dreiviertelstunde, aber das stört in diesen Regionen ja niemanden so wirklich. Um halb neun ging es dann los. Fahrtziel war Ihsans Büro. Dort lagerte allerhand Zeugs. Bild Waren, die er an den Carrefour verscherbelt. Sein Bruder und weitere Mitarbeiter trudelten dann auch ein und es gab erst einmal ein schönes Frühstück, bestehend aus Ei mit Sucuk, Brot, Käse, Oliven und Tomaten. Dazu wieder dieses geniale Brot und natürlich Caj. Lecker! Das Meeting bestand dann daraus, dass Ihsan und sein Bruder drei Minuten eine Liste durchgingen. Ich vermute mal, er wollte uns einfach sein Business-Reich zeigen. Danach fuhr uns unser Gastgeber zu dem Abfahrtspunkt der 'shared Taxis', die nach Duhok fahren. Ein gemeinsames Foto und dann hieß es 'Danke' sagen für diese unglaubliche Gastfreundschaft. Bild Ehrlich - wer kann sich vorstellen, dass in Deutschland zwei wildfremde Kurden mit dem Bus ankommen, nach einem Hotel fragen und einer der anwesenden Deutschen lädt sie spontan ein, beim ihm zu wohnen!! Das war echt ne geniale Geschichte und während ich diese Zeilen hier schreibe, kommt es mir beinahe unwirklich vor. Für 15tsd Dinar pro Person ging es unspektakuläre zweieinhalb Stunden nach Duhok. Dort gaben wir dem Fahrer in Ermangelung einheimischer Währung stattdessen 26 Dollar, was er eher nicht so toll fand. Aber bei der Wahl zwischen Dollar und gar keinem Geld, hatte er seine Entscheidung schnell getroffen. Die Hotelsuche war für mich relativ zügig erledigt. Das erste Hotel war schön aber zu teuer (70 USD), das zweite bot nur ein Zimmer ohne Fenster oder eins zur viel zu lauten Straße hin. Also bekam Hotel Nummer Drei den Zuschlag, obwohl ich letztlich auch hier ein Zimmer ohne wirkliches Fenster hatte, wenn man mal das zu diesem engen Schacht ausblendet, an dessen oberen Ende irgendwo Tageslicht zu sehen war. Der wahre Pluspunkt dieser Bude war, dass der Rezeptionist fünf Worte englisch sprach. Im Nachhinein stellte sich das Zimmer mit Bad für 30 Dollar bei genauer Betrachtung als ziemliche Absteige heraus, aber für eine Nacht gehts ja immer. Danach kümmerten wir uns um Bus-Tickets nach Mardin bzw Kiziltepe. Für 30 Dollar ergatterten wir Tickets für den 18:00-Bus von 'Best Van' - Daniel für den heutigen, ich für den morgigen Tag. Nächster Punkt war Devisen-Beschaffung, was mit dem Umtausch von 50 Euro in 83.500 Dinar erledigt wurde. Damit war wiederum der Nahrungsaufnahme der Weg geebnet. Unser hervorragender Master-Plan, den nicht vorhandenen Alkoholausschank in den Grill-Restaurants mit dem Kauf von Efes-Dosen im benachbarten Alkohol-Shop zu umgehen, fand sein jähes Ende beim Inhaber des Restaurants. Bild Bild Bild Als wir vorsichtig fragten, ob wir unser mitgebrachtes Dosenbier öffnen dürfen, erteilte er uns in einer Mischung aus Entsetzen und Ungläubigkeit eine energische Absage. Wahrscheinlich hielt er uns aber einfach nur für verrückt oder bescheuert. Das Essen war trotzdem köstlich. Zum Hähnchen-Spieβ gab es Reis, Brot, Salat, Hummus undundund. Wahnsinn. Nach der Schlemmerei liefen wir ein paar Straßen hoch, setzten uns oberhalb der Stadt auf eine Mauer und verzehrten in Ruhe unser Efes. Als die Sonne verschwand - es war ein wunderbarer Tag mit wolkenlosen 17 Grad - wurde es umgehend äußerst schattig und wir latschten zurück zum Hotel. Nach kurzem Aufenthalt brachte uns ein Taxi zum Abfahrtspunkt des Busses, der etwas außerhalb der Stadt direkt an der Schnellstraße zur Grenze liegt. Mit einer guten Stunde Verspätung traf der Bus (aus Suleymaniyya kommend) ein und es hieß "Lebe wohl" sagen. 'Triple D', mein Junge - es war mir wieder eine große Ehre wie Freude, mit Dir reisen zu dürfen! Bild Danke für Deine ansprechende Gesellschaft!!! Ein Taxi brachte mich zurück zum Hotel, wo dann grad mal kein Strom vorhanden war. Bizarre Situation. Als ich eintrat sah ich nur das stockdunkle kleiner Foyer. Als sich dann die Augen ein wenig an die Dunkelheit gewöhnten, sah ich dass der Rezeptions-Hassan (der hieß wirklich so) mit drei Freunden auf den Sofas saß und mich alle stumm mit großen Augen anstarrten. Allerdings fehlte nur in meinem Hotel die Elektrizität und nirgendwo anders. Scheißegal. Ein wenig lief ich herum, kaufte der Abendkälte geschuldet einen schönen Schal und ließ mich in einem dieser charakteristischen Mokel-Teehäuser nieder, wo im TV der Länder-Kick dieses WAFF-Turniers zwischen Bahrain und dem Irak lief. Schöne torlose Gurkerei. Zur zweiten Halbzeit wechselte ich in ein Cafe. Nach diesem sportlichen Augenschmaus machte ich den nächsten Hotelversuch und siehe da - der Strom war zurückgekehrt. Bei Efes-Dosenbier und Internet klang der Abend aus.

So. 29.12. 14:30 - Duhok SC vs Zakho FC 0:0 (Iraqi Premier League), 12.000 Zuschauer (5.000 Gäste)

Derby-Tag! Gut ausgeschlafen erlaubte ich mir die erste vernünftige Dusche der Tour. Danach latschte ich ins Zentrum und nahm mir ein Taxi zum 'Duhok Dam'. Bild Gute zwei Kilometer oberhalb der Stadt befindet sich ein mächtiger Staudamm. Wenn die Mauer mal bricht, ist die Stadt wohl Geschichte. Diese Bauwerke beeindrucken mich immer mächtig und da die Stadt nicht viel hergibt, war der Ausflug zum Damm fester Bestandteil des Tagesplans. Dabei ist Duhok - der Ortsname bedeutet übersetzt 'kleines Dorf' - gar nicht mal so klein, aber hinsichtlich Sightseeing ist nun mal einfach nicht viel los. Über 250tsd Einwohner hat die Stadt. Bild Da es keine Hochhäuser gibt, ist das Stadtgebiet weitflächig ausgedehnt. Auf dem Damm, auf den die kurdische Flagge aufgepinselt ist, machte ich ein paar Minuten Pause und begab mich dann per Pedes auf den Rückweg in die Stadt. Nach einigen hundert Metern erregte ein ominöses menschenleeres Kassenhäuschen meine Aufmerksamkeit. Als ich ratlos davor stand, kam ein Typ angelaufen, der offenbar für das Kassieren zuständig war. Statt mir Geld abzunehmen, gab er mir aber nur eine mehrsprachige Info-Broschüre, wies auf den Eingang und befahl energisch "Go!". Okay, my friend. Wird man doch glatt zur kostenfreien Besichtigung gezwungen. Als ich dann das Gelände hinauf stapfte, schnallte ich auch was ich mir ansehen würde, nämlich eine antike Ausgrabungsstätte. Diese gab aber nicht viel her, so dass ich nach zwanzig Minuten auf dem weiteren Weg zur Stadt war. Bild Dort angekommen, schlurfte ich über den Basar und kaufte ein paar Mitbringsel für die Lieben daheim - muselmanischen Süßkram, geröstete Kichererbsen, Gewürze. Nun war es aber Zeit für das Highlight des Tages. Erstmal zurück zum Hotel - da musste ich eh dran vorbei - die Sachen ablegen. Das Zimmer durfte ich glücklicherweise bis zur Abreise behalten. Als ich dann so mit den Menschenmassen dem Stadion entgegen strebte, fuhr mir gute 100 Meter vor diesem plötzlich der Schreck durch die Glieder, stellte ich doch geistesblitzartig fest, dass ich das mein monetäres Eigentum beinhaltende Lederimitat im Hotel vergessen hatte. Umgehend auf dem Absatz kehrt gemacht, war ich nun der Einzige, der sich auf dem Gehsteig der mehrspurigen Straße vom Stadion weg statt dorthin bewegte. Zum Glück waren es nur gut 500 Meter Luftlinie zwischen Spielstätte und Mietbehausung. Die Krötenbörse schnell eingesackt saß ich kurz danach der Faulheit und mittlerweile auch ein wenig der Zeitnot geschuldet in einem Taxi. Keine Lust zu diskutieren, also dem Fahrer direkt 2tsd Dinar hingelegt. Viel zu viel aber trotzdem nur EUR 1,20. Direkt fragte er mich wo ich herkomme und fortan ging die Unterhaltung auf Deutsch weiter. Bild Zehn Jahre hatte er in Kiel gelebt aber nie eine dauerhafte Aufenthaltsgenehmigung erhalten, obwohl er sich Arbeit gesucht hatte und dem Staat nicht auf der Tasche liegen wollte. Dennoch wurde er ausgewiesen. Da beweist der deutsche Staat ja wohl oft genug ein gutes Händchen, die arbeitswilligen rauszuschmeißen und den Schmarotzern und Kriminellen Tür und Tor zu öffnen. Meine tröstenden Worte, dass Kurdistan doch auch toll ist, nutzte er um anzumerken, dass alle Kurden faul, blöd und unorganisiert seien, während es in Deutschland ja nur intelligente Menschen gebe. Da hätte wohl ein 90minütiger Besuch an der Hafenstraße 97a in Essen-Vogelheim ausgereicht, um ihn vom Gegenteil zu überzeugen. Nach gegenseitigem 'Alles Gute'-Wünschen, verließ ich die Droschke und trollte mich zum Stadion-Eingang. Bild Für 2tsd Dinger erwarb ich eine Zutrittsberechtigung zum 25tausender-Allseater. Zunächst erlangte aber ein Fanartikel-Verkäufer meine Aufmerksamkeit. Bin ja eigentlich kein Freund von Souvenirs, aber bei diesem Kick machte ich mal eine Ausnahme und hatte es auf ein Trikot abgesehen. Da aber selbst die XL-Größen so eben unseren Meerschweinchen gepasst hätten, sollte dann ein Schal herhalten. Als der gute Mann herausfand, dass ich deutscher Herkunft bin, konnte auch hier wieder auf meine Muttersprache umgestellt werden. Nur 1tsd Dinar sollte der Schal kosten und selbst die wollte er plötzlich nicht mehr haben sondern bestand darauf, dass ich das Utensil geschenkt nehme. Sipas! Betreten wollte ich das Stadion über den VIP-Eingang, da an allen anderen Eingängen fürchterliches Gedränge herrschte. Der das Portal bewachende Polizist wollte sich zwar zunächst nicht so recht überzeugen lassen, aber aufgrund meines doch eher gepflegten westeuropäischen Äußeren, begleitet von energischem Gelaber in deutscher und englischer Sprache, hatte er dann ein Einsehen und gewährte mir Einlass. Sowieso langweilig, weil VIP in diesen Regionen ja auch nur bedeutet, auf einem bequemen Stuhl hinter Glas zu sitzen, was ja eh nicht mein Interesse war. 

Bild Eine gute Dreiviertelstunde vor dem Kick-off war ich nun drin im weiten Rund. Erst mal n Haufen Fotos gemacht. Der Duhok-Anhang sammelte sich auf der überdachten Hauptseite, während die Zakho-Fans die Gegengerade bevölkerten. Letztlich fanden gut 12tsd Zuschauer ins Stadion, davon etwa 5tsd aus Zakho. Bild Die Gerade waren dicht gefüllt, während die Kurven eher spärlich besetzt blieben. Schon weit vor Spielbeginn wurde die Stimmung immer besser. Gesänge im klassischen Sinne gab es zwar nicht, aber immer wieder laute Sprechchöre. Das Repertoire war allerdings begrenzt. Es wurden mehrfach Silvester-Raketen abgefeuert und Bengalos und Rauchfackeln gezündet. Das war alles deutlich mehr als ich erwartet hatte. Das Spiel war dann zu Beginn auch recht flott und ordentlich, verflachte aber nach der Anfangsviertelstunde zusehends. Torraum-Szenen waren selten, stattdessen nahm die Härte im Spiel immer mehr zu. Es gab viele Fouls, was die Spieler zum Anlass nahmen sich ständig theatralisch auf dem Geläuf herumzuwälzen, und der Referee, der alle Mühe mit dem Kick hatte, hantierte beinahe beidhändig mit den Karten rum. Regelmäßig wurden weiter Raketen in den Himmel gefeuert und die eine oder andere Fackel landete auf dem Spielfeld. Juckte aber keinen wirklich. Der Spieler, der dem Bengalo am nächsten war, beförderte diesen vom Feld und es wurde weitergebolzt. Bild Bild Torlos ging es in die Pause. Da es keine Halbzeit-Animation gab, was der Europäer ja mit Erleichterung zur Kenntnis nimmt, wurde den Kurden aber schnell langweilig. Also fing man einfach mal an, die Sitze aus den Verankerungen zu treten und sich diese dann entgegen zu schleudern. Da die Teile aber nicht so weit fliegen und das konkurrierende Volk realisieren musste, dass man den Gegner damit nicht treffen kann, entschied man, die sinnlose Werferei sein zu lassen und sich lieber entgegen zu stürmen, um sich aufs Maul zu hauen. Obwohl sich die durchaus anwesende Polizei völlig planlos verhielt, blieben ernsthafte Feindkontakte aber aus. Hatte doch eher was vom Ultra-Gepose westlicher Gefilde. Bis auf den Bereich vor der Haupttribüne ist das Stadion rundherum mit einem Fangnetz ausgestattet, dass im Abstand von gut 15-20 Metern an Masten befestigt war. Nun standen reichlich Zuschauer auf dem Zaunfirst und hielten sich am Netz fest. Da die Konstruktion aber offenbar eher mit dem Siegel 'Made in Kurdistan' als dem des 'TÜV Nord' versehen war, hielt es den entstehenden Kräften nicht stand und knickte auf etwa 50-60 Metern vor dem Gästebereich ein. Die Leute purzelten nur so durcheinander. Schlimmere Folgen gab es aber nicht, wenn man davon absieht, dass offenbar ein Ordner von einem umstürzenden Mast getroffen und mit der Ambulanz abtransportiert werden musste. Hoffen wir das Beste für den Jungen. Sofort richtete sich die Wut der Haupttribünen-Besucher gegen die Offiziellen des Gastvereins, die sich auch im verglasten Bereich aufhielten, und alles mögliche flog gegen die Scheibe. Getränkebehälter, Tüten mit den unvermeidlichen Kernen, Schokoriegel, sogar ein islamischer Rosenkranz! Währte aber nicht lange, dann wandten sich wieder alle dem Geschehen auf den Rängen zu. Immer wieder gab es neue 'Brandherde'. Als die Spieler und das Schiri-Gespann zurückkamen, wurde ungerührt die zweite Halbzeit angepfiffen, obwohl das Theater auf den Tribünen weiter ging. Absolut schräg! Schon zu diesem Zeitpunkt hätte die ganze Nummer bei Spielen in Europa für mehrere Abbrüche gereicht. Bild Noch interessanter wurde es, als die Leute registrierten, dass man ohne das Netz ja viel einfacher auf das Spielfeld gelangen kann. Mehrere Figuren rannten der Reihe nach auf den Rasen. War der eine gepackt, kam der nächste. Da sah sich sogar der Schiri gewogen, die Partie mal für einige Minuten zu unterbrechen. Als massive Polizeipräsenz im Innenraum den Sprung in denselben unmöglich machte, verstärkte man wieder die Bemühungen, sich auf den Rängen ans Leder zu wollen. Hammer, was da los war. Leider litt das schöne Stadion unter den Riots - zumindest die Bestuhlung. Als die Ordnungskräfte dann die Lage im Stadion allmählich in den Griff bekam, verlagerte sich die ganze Geschichte nach draußen. Selbstverständlich wurde inzwischen weiter gespielt. Insgesamt ging es bestimmt eine knappe Dreiviertelstunde ab. Erst gegen Ende des Spiels kehrte wieder Ruhe ein. Zum Glück blieb die Partie am Ende torlos, sonst hätten sich alle noch gegenseitig umgebracht, denn die Leute waren mittlerweile mächtig sauer. Nachdem der Referee den finalen Pfiff ertönen ließ, war es den Gästespielern unmöglich in die Kabinen zu gelangen, da sie sich einem Hagel an Wurfgeschossen ausgesetzt sahen. Es wurde dann auch leicht wahnsinnig, weil die aufgebrachten Mokel teilweise faustdicke Steine ins Stadion brachten um diese abzufeuern. Man besann sich dann aber eines Besseren und das Rund leerte sich langsam. Für mich war es nun auch Zeit aufzubrechen. Erstaunlicherweise war die Lage außerhalb des Stadions völlig ruhig. Genauso schnell wie sich der herkömmliche Mokel aufregt, beruhigt er sich offenbar auch wieder. 

Ich latschte erst noch einmal Richtung Zentrum, um vor der Abreise noch eine Kleinigkeit zu essen und etwas Proviant für die Busfahrt zu kaufen. Danach das Gepäck aus dem Hotel geholt und das nächste Taxi angehalten. Hätte ich zumindest gern, aber jedes - und ich meine auch wirklich: jedes - Taxi war besetzt. Nun ist es ja nicht so, dass nur alle paar Minuten ein Taxi vorbeikommt. Nee, jedes vierte oder fünfte Auto ist eines. Aber warum auch immer waren die ganzen Drecksdinger besetzt. Halb Duhok fuhr Taxi. Ständig gehen einem die Taxi-Mokel auf den Sender, aber wenn mal einen von den Geiern braucht, ist keiner da. Nach fünfzehn Minuten wurde ich langsam unruhig und nach zwanzig Minuten war klar, dass es langsam eng werden kann, falls der Verkehr zur Stadtgrenze zähflüssig und der Fernbus ausnahmsweise mal pünktlich ist. Also Taktik-Änderung und ab auf die Gegenseite, um zu versuchen, eine stadteinwärts fahrende Droschke abzufangen. Da gelang glücklicherweise recht zügig. "Hello my friend" - einmal umdrehen und ab nach 'Avro City', einem Neubaugebiet am Stadtrand, wo die Schnellstraße von Erbil in Richtung Landesgrenze vorbeiführt. Wie befürchtet waren die Straßen voll. Kein Wunder - zum ganz normalen Fahrzeug-Aufkommen addierten sich die 5tsd Anhänger aus Zakho, die mangels regionalen Busverkehren alle mit dem eigenen Pkw oder mit 'shared Taxis' gekommen waren. Nur wenige Minuten vor 18:00 war ich am Bus-Büro und mit nur zwanzig Minuten Verspätung traf dann auch der Bus ein, der mit mir und den anderen Fahrgästen, die hier zustiegen, bis auf den letzten Platz gefüllt war. Aber wieder ein Wahnsinnsbus. Wieder neueste Mercedes-Generation namens 'Travego' und luxuriös eingerichtet. Nur drei Sitze pro Reihe und mit großer Beinfreiheit. Fast wie in Südamerika, nur nicht so fette Sessel. Aber man konnte die Dinger schon verdammt weit nach hinten klappen. Außerdem hatte jeder Sitz - wie auf der Hinfahrt auch - ein eigenes In-Seat-Entertainment mit Filmen und Spielen. Theoretisch könnte man im Bus sogar ins Internet, wenn denn das WLAN funktioniert hätte. Das nenne ich mal bequemes Reisen. In diesem Gefährt wurden die Getränke sogar mit einem kleinen Buffet-Wagen verteilt. Fast wie im Flugzeug. Nicht schlecht, Herr Specht. Nach nur etwa 40 Kilometern stockte die Fahrt aber erst einmal, die die Verkehrsdichte auf Zakho zulaufend immer mehr zunahm. Um es genau zu sagen, entwickelte sich ein klassischer Stau. Wie man in diesen Breiten damit umgeht, war aber äußerst interessant zu beobachten. Anders als bei uns sind Busse und Lkw erst einmal im Vorteil, da sich ja bekanntlich durchsetzt, wer die stärkeren Argumente hat. Geordnetes Spurverhalten war nicht so up to date, also fuhr einfach alles kreuz und quer durcheinander. Wo sich grad mal zehn Zentimeter Platz auftaten, stieß man hinein und wenn eben kein Platz war, versuchte mein sein Glück auf der Gegenfahrbahn. Und das beste: niemand regt sich drüber auf, sondern macht einfach mit. Krasser Scheiß. Hinter Zakho war der Spuk dann vorbei, aber für die 70 Kilometer zur Grenze benötigten wir so doch gut eineinhalb Stunden. Der Grenzübertritt in die Türkei gestaltete sich dann nicht so einfach wie die Einreise. Die Fahrzeuge und die Reisenden wurden schon ein wenig genauer unter die Lupe genommen, weil wohl in Richtung Turkiye ordentlich geschmuggelt wird. Der Ausreisestempel war zwar gemessen am Aufkommen recht schnell im Pass, aber dann wurde der Bus und das Gepäck eingehend geprüft. Die Fahrzeuge müssen sogar auf eine Reparaturgrube fahren, wo dann alles von unten beleuchtet wird. Danach darf man sich wieder am Schalter der türkischen Grenzbehörden um den Einreisestempel boxen - da haben die Kurden definitiv das bessere und vor allem ellbogenschonendere System - und nach gut drei Stunden war das Grenzgemokel erledigt. Daniel hatte deren fünf benötigt, wie er mir per SMS mitgeteilt hatte. Bei Einfahrt auf das Grenzgelände hatte ich einen Mitreisenden angesprochen, da der Busbegleiter etwas auf türkisch erklärt hatte. Tuncay hatte für mich übersetzt. Der als Ingenieur in einem Tanklager bei Mosul tätige etwa in meinem zarten Alter befindliche Mann war auf der Heimreise zur Familie nach Gaziantep fortan mein Gesprächspartner. Sympathischer Typ, der mir alles mögliche über seine Arbeit und die Verhältnisse in dieser dich brisanten Gegend um Mosul erzählte. Bei einer längeren Pause aßen wir zusammen etwas in einem Kebap-Restaurant und als ich bezahlen wollte, durfte ich schon wieder nicht. Er wurde sogar richtig energisch als ich mein Geld zücken wollte. Gegen 1:15 Uhr war Kiziltepe erreicht. Ich verabschiedete mich von Tuncay, nicht ohne gegenseitig den Facebook-Kontakt auszutauschen, und stieg aus. Obwohl die Stadt knapp 140tsd Einwohner hat, war um diese Uhrzeit völlig tote Hose. An der wenige Meter entfernten Tankstelle sortierte ich mich und mein Gepäck. Der einzige mit mir ausgestiegene Reisende tat dasselbe und fragte mich auf Englisch was ich vorhabe. "Looking for a hotel" war auch seine Idee und wenig später saß ich mit Razim im Taxi. Razim ist als Archtitekt in Duhok tätig und arbeitet dort an der Errichtung eines Krankenhauses mit. Wir hatten denselben Flug am nächsten Tag ab Mardin nach Izmir vor uns. Im soliden Mittelklasse-Hotel gab es das Einzelzimmer mit Bad für 60 Lira, also knapp 20 Euro. Noch ein wenig Internet und dann fiel ich sackmüde ins Reich der Träume.

Mo. 30.12. 20:00 - Manisaspor vs Bucaspor 2:0 (TFF 1.Lig), 4.000 Zuschauer (500 Gäste)

Um halb zehn trafen wir uns wieder in der Lobby und lösten ein Taxi für 30 Lira zum einige Kilometer entfernten Airport. Neben dem kleinen veralteten Terminal wird ein nagelneues drei, vier, ach was, fünf Mal so großes hochgezogen. Darf man sich auch drüber wundern, denn mehr als zwei oder drei Flüge täglich dürften hier kaum ankommen und weggehen. Pegasus flog pünktlich und dementsprechend pünktlich kamen wir auch in Izmir an. Razim zeigte mir noch welcher Bus in das Stadtviertel meines vorab gebuchten Hotels fährt und dann hieß es 'Iyi günler', mach et joot. Bild Der Busfahrer eröffnete mir und dem einzigen anderen Fahrgast, bzw Fahrgästin, dass die Fuhre erst in 40 Minuten abginge. Dementsprechend empfänglich war ich für den Vorschlag der Dame, ein Taxi ins Zentrum zu teilen. Bild Für meinen Anteil von 25 Lira landete ich am Bahnhof 'Basmane'. Von dort waren es nur 100 Meter Fußweg zum Hotel 'Koseoglu'. 72 Lira (24 Euro) kostete das Einzelzimmer mit eigenem Bad und Frühstück. Der Portier hatte einige Jahre in Berlin gelebt, also war mal wieder Deutsch die Amtssprache. Gar nicht so schlecht, so konnte er mir erklären, wo die Busse nach Manisa abfahren, was gar nicht mal so unkompliziert schien. Lange hielt ich mich nicht auf sondern latschte einmal den 'Fevzipasa Bulvari' entlang bis zur Waterkant und wieder zurück. Vom 'Basmane' fuhr ich mit der Metro bis zur Station 'Bornova'. Von dort dann 15 Minuten Fußweg bis zum Kreisel, wo die 'Istanbul Caddesi' von der 'Ankara Caddesi' abzweigt und dort nachgefragt, wo die Busse genau fahren. Letztlich keine große Sache. 8 Lira kostet die 40-Kilometer-Fahrt im 50-Sitzer. Himmelarsch, das sind keine 2,70 Euro. Dafür komm ich in Essen grad mal von meiner Wohnung bis zum Hauptbahnhof. Nach 40 Minuten kamen wir auf der anderen Seite des Gebirgszugs am Otogar von Manisa an. Die gut zwei Stunden bis zum Anstoß nutzte ich, um in Ruhe etwas zu essen. Nach dem Vertilgen allerhand Köstlichkeiten verspürte ich allerdings ein dringender werdendes Bedürfnis. Also ab in die gekachelte Abteilung... aber meine Fresse, da war nur dieses fiese Loch im Boden, welches von den beiden Fußtritten flankiert wird, damit man auch genau weiß, wie man sich hinhocken muss, um sich schön die Hacken vollzuscheißen. Nee, kein Interesse. Mit dem festen Entschluss, die Not auszuhalten, verließ ich das Lokal. Keine zweihundert Meter weiter blieb mir kaum Zeit den Entschluss zu überdenken. Die Erlösung präsentierte sich in Form eines schnieken Cafè, in das ich am verdutzten Personal vorbei hineinstürmte und in der Fliesenabteilung zum Glück eine Örtlichkeit zivilisierter Art vorfand. Verdammt! Schwein gehabt. Das hätte (Achtung: Wortspiel!) in die Hose gehen können. Derart erleichtert schlurfte ich die paar hundert Meter zum '19 Mayis Stadyumu'.

Bild Dieses hebt sich von den üblichen älteren Stadien des Landes, die ja beinahe alle über eine Laufbahn verfügen, deutlich ab. Es handelt sich um ein reines Fußballstadion. Die Spuren sind allerdings eindeutig. Auch das '19 Mayis' hatte vor einigen Jahren noch eine Laufbahn. Dann wurde allerdings mit dem Umbau begonnen. Die Doppelstöckige Haupt- und die einstöckige Gegentribüne sind fertiggestellt und überdacht. Bild Die Hintertortribünen sind zwar soweit fertiggestellt, jedoch fehlt ihnen noch das Dach. Die Sitze des Stadions sind in den Vereinsfarben gehalten. Die Hintertortribünen zeigen zusätzlich den Namen der Stadt. Die Gastgeber befinden sich im oberen Tabellendrittel und haben eine reelle Aufstiegschance. Die Gäste - Bucaspor ist ein Verein aus Izmir - tummeln sich dagegen im trostlosen Niemandsland des Rankings. Bild Geschätzt etwa 4tsd Zuschauer wollten die Partie sehen, davon hielten gut 500 dem Away-Team die Daumen. Dieses begann eigentlich recht erfrischend und zielstrebig, scheiterte jedoch am Schnappmann von Manisaspor, das sich dann auch langsam sammelte und zum Angriff blies. Die Einzelspieler waren insgesamt recht verspielt und vertändelten lieber in unnötigen Eins-zu-Eins-Situationen die Kirsche, statt rechtzeitig den besser postierten oder ungedeckten Mitspieler zu bedienen. Strafraumszenen waren daher eher die Ausnahme. Trotzdem war das Spiel nicht schlecht und auch recht unterhaltsam. Kurz vor der Halbzeit ging Manisa dann in Führung, was mittlerweile auch verdient war. Die Gäste-Anhänger ließen sich nicht irritieren und setzten den bis dahin guten Auftritt unbeeindruckt fort. Bild Die je nach Teilnahmebedürfnis knapp 500 bis 800 auf der Gegentribüne befindlichen aktiven Manisa-Supporter waren ein wenig verhaltener unterwegs. Da war mehr möglich. Wenige Minuten nach Wiederanpfiff stellten die Platzherren mit dem zweiten Treffer die Zeichen endgültig auf Sieg. Weitere Treffer sollten aber nicht mehr fallen, was die heimische Szene nicht sehr interessierte, da es zu Unfrieden innerhalb des eigenen Blocks kam und man sich mit dem Spiel nicht weiter beschäftigte. Bis kurz vor Ende des Spiels kam es immer wieder zu Streitereien und Scharmützeln untereinander, woran führende Köpfe der Szene offensichtlich beteiligt waren. Grund nicht ersichtlich. Der letzte direkte Bus nach Izmir sollte um 22:05 abfahren. Ich beeilte mich aber nicht übermäßig diesen zu erreichen, da ein Einheimischer, mit dem ich im Stadion ins Gespräch kam, meinte, dass ich mir keinen Stress machen müsse. Es würden noch einige Busse aus anderen Städten auf dem Weg nach Izmir in Manisa stoppen. Also nahm ich für zwei Stationen den Linienbus und stellte mich an den beschriebenen Haltepunkt gegenüber des Otogar an der Hauptstraße zur Autobahn. Ganz astrein kam mir die Situation aber nicht vor und ich wurde unsicher. Da traf es sich gut, dass ich ein Auto auf die benachbarte Tankstelle steuern sah, in dem ich drei Insassen mit blau-gelben Buca-Schals entdeckte. Prima - konnten mich die Gäste-Fans doch gut mit zurück nach Izmir nehmen. Die 'Fans' entpuppten sich dann aber als Journalisten und die blau-gelben Schals waren die Halsbänder der Akkreditierungen. Die Jungs waren zunächst wenig begeistert, als ich mein Anliegen vortrug. Da es sich um eine Dienstfahrt handelte, durften aus Versicherungsgründen keine Privatpersonen mitfahren. Aber ein wenig Laberei und "Bitte, bitte" später, saß ich auf der Rückbank und weitere 45 Minuten später durfte ich den Wagen vor meinem Hotel verlassen. Sagol! Das Hotel ließ ich aber erst mal links liegen und ging in die benachbarte Bierbar, die etwas gespenstisch wirkte, da außer mir nur zwei weiteren Gestalten an einem Tische saßen. Den Durst bekämpfte ich mit zwei großen Efes und saß wenig später bei den beiden am Tisch und unterhielt mich mal wieder auf Deutsch. Mann, das ist hier echt zu einfach. Es handelte sich um Geschäftsleute aus Hessen mit türkischer Abstammung, die in Izmir Möbel eingekauft hatten und diese nun nach Deutschland verschiffen ließen. Nach den zwei Bieren war ich aber auch Müde genug, um mich zu verabschieden und im Reich der Träume zu versinken. 

Di. 31.12. - Heimreise

Der neue Tag begrüßte mich schon wieder mit blauem Himmel. Bis auf den Morgen in Kiziltepe hatte es das Wetter die ganzen Tage nur gut mit mir/uns gemeint. Das Frühstück war mit Schafskäse, Oliven, Tomaten, türkischer Wurst und Fladenbrot mal wieder nach meinem Geschmack. Danach brach ich zum 'Adnan Menderes Havalimani' auf. Der Portier hatte gemeint, dass man lediglich dreißig Minuten mit der Kombination Metro/Zug benötigt. Mit den Zeitangaben haben es unsere türkischen Brüder aber bekanntermaßen ja nicht so. Die dreißig Minuten waren schon fast verraucht, als ich in den Zug umgestiegen war. Dieser fuhr dann aber erst umständlich in einen Kopfbahnhof und von dort dann Richtung Flughafen. Musste mich zwar ein wenig beeilen, aber letztlich war alles kein Problem. Knapp am Gate sein, bedeutet ja auch, nicht mehr lange aufs Boarding warten zu müssen. Da Warten und Geduld nicht zu meinen Stärken gehören, kam mir das also entgegen. 'Sun Express' hob um 11:30 Uhr pünktlich mit mir ab und einen Film und einen Snack später landete die Maschine nach etwas mehr als drei Stunden auf dem Flughafen zu Düsseldorf. Es folgte der übliche Weg - Sky-Train zum Airport-Bahnhof und Regional-Express nach Mülheim. Dort sammelte mich meine Herzdame ein. Weltklasse-Tour mit vielen neuen Eindrücken und unglaublicher Freundlichkeit und Gastfreundschaft der Einheimischen.

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(Manni Breuckmann)