G R O U N D F E V E R
  Kaukasus
 

20.-30.09.2013 --- Durch den wilden Kaukasus
 
Seit meinem Luxus-Trip zum Europa League-Quali-Spiel der Dortmunder Borussia im Jahre 2010, als ich meinen Chef kostenneutral begleiten durfte, schwirrte mir immer wieder im Kopf herum, die Kaukasus-Region mit allen drei Ländern Armenien, Georgien und Aserbaidschan mal genauer unter die Lupe zu nehmen. Diese drei relativ kleinen Nationen, quasi Schwellenländer zwischen Europa und dem Orient strahlten eine ungeheure Faszination auf mich aus. Im Frühsommer zeichnete sich dann langsam ab, dass die Tour im frühen Herbst über die Bühne gehen würde. Als Mitreisende konnte ich Tobias und Alex, auch bekannt als 'DiWa', gewinnen. Nach dem dann auch die Spielpläne durchgesickert waren, wurde der genaue Zeitraum festgelegt. Mit den Flugbuchungen eierten wir leider zu lange rum, so dass die zeitlich besseren Flüge mit den ausgezeichneten 'Turkish Airlines' irgendwann ausgebucht waren und uns nur noch die Billig-Airline 'Pegasus' zu einem angemessenen Preis an den gewünschten Tagen befördern wollte. 238 Euro waren pro Nase für die Verbindunga ab Düsseldorf über Istanbul-SAW nach Tbilisi zu entrichten. Kein totaler Schnapper, aber doch im Rahmen. Zwischen den beiden Wochenenden sollten uns fünf durchaus gewünschte fußballfreie Tage zur Verfügung stehen, in denen wir der hiesigen Kultur mal ein wenig nachspüren wollten. Das viel zu teure Visum für Aserbaidschan klebte auch schneller im Reisepass als erwartet, so dass ich dem Tour-Start ziemlich entgegen fieberte.

Fr. 20.09. - Hinflug

Zum High Noon des 20.September trafen wir uns am Terminal C des Düsseldorfer Flughafen. Danke an meinen verehrten Vater, dass er den Shuttle Service vom Arbeitsplatz zum Airport durchführte, sonst hätte das so alles nicht ganz hingehauen. Ein Tour-Eröffnungs-Stauder wurde in der Warteschlange zum Check-in vertilgt und mit gut 40-minütiger Verspätung ging es ab. Der Service von Pegasus ist nicht ganz so gut - er ist nämlich schlicht nicht vorhanden. Die Flieger sind zwar ganz gut in Schuss, aber man bekommt Catering nur gegen bare Münze, worauf wir dankend verzichteten. Um kurz vor 18:00 Ortszeit – die Türken sind ja eine Stunde weiter als wir – landeten wir auf dem 'Sabiha Gökcen Airport’ im asiatischen Teil Istanbuls. Nun hatten wir beinahe sechs Stunden abzugammeln, da es erst um 23:40 weiter ging. Erstmal hingen wir ein wenig am Übergang zum Transitbereich rum, bequemten uns dann durch die Kontrolle – mal wieder interessant, wie lasch der Sicherheits-Check ist, sobald man das ‚zivilisierte Europa’ verlässt – und nahmen mal den Transitbereich unter die Lupe. Fazit: Alles einfach zu teuer. Der halbe Liter 'Efes' schlägt mit 14 Lira zu Buche. Lira hatten wir natürlich nicht, wollten wir auch nicht extra tauschen. Wenn man in Euro bezahlen wollte, wurde zum vereinfachten Preis von 1:2 umgerechnet. Zum Glück entdeckten wir im Duty Free gekühlte Jackie-Cola-Dosen zu günstigen Kurs. Mit diesen und ner gepflegten Mau-Mau-Session, die der Verfasser dieser Zeilen gegen die Kölner Mafia unglücklich verlor, verging die Wartezeit einigermaßen schnell. Bei der Beratung wie wir nach der Nacht-Ankunft in Tbilisi weiter vorgehen sollten, kam uns die hammerharte geniale Idee uns von per Taxi zu einem Hostel kutschieren zu lassen, um uns noch für drei oder vier Stunden in einem Dorm abzulegen. Soweit der Plan...

Sa. 21.09. 19:00 – FC Ararat Yerevan vs Alashkert FC 5:0 (Premier League ), 180 Zuschauer (10 Gäste)

Der knapp 100minütige Flug war nur zu zwei Drittel gebucht, so dass ich mich in einer eigenen Reihe hinlegen und ein wenig dösen konnte. Nach der Ankunft mussten wir allerdings viel zu lange auf unser Gepäck warten, so dass die Hostel-Idee hinfällig war. Aber die nächste geniale Idee ließ nicht lang auf sich warten. Einfach mal erkundigen, wann der erste Mini-Bus nach Yerevan fährt. Der Typ an der Tourist-Info des ,Tbilisi International Airport’ war der Meinung, dass dieses um 6:00 der Fall ist. Also noch in Ruhe ne Cola getrunken und dem Treiben zugeschaut (selbst in der Nacht n absoluter Ameisenhafen) und dann mit nem Taxi-Opi für 30 Lari (etwa 13 Euro) für den laut Lonely Planet korrekten Kurs zum Bus-Bahnhof 'Ortachala’ gefahren. Dort kamen wir um kurz nach fünf an und bis auf ein paar Taxi-Mokel war dort mal gar nix los. Wir waren noch nicht ganz aus der Opi-Karre raus, da hatten wir schon den ersten Yerevan-Kutscher am Ärmel hängen. Nach kurzer Diskussion ließen wir den Mokel aber erstmal Mokel sein und informierten uns über Abfahrtszeiten der Marshrutkas. Von 6:00 wollte keiner was wissen. Stattdessen wurde 7:30 für die erste Abfahrt kommuniziert. Also stiegen wir doch wieder in die Taxi-Verhandlungen ein. Tobias fand den nen Typen, der ganz korrekt wirkte. Der zunächst von allen Fahrern akquirierte Preis war 180 Lari. Ein Lari entspricht 45 Euro-Cent, also waren dies etwa 80 Euro. Der Preis galt aber nur bei vier Mitfahrern. Wir einigten uns nach kurzer Zeit auf 150 Lari – damit konnten wir leben – und um kurz vor sechs ging es in einer silbernen Mercedes-E-Klasse der Baureihe 210 auf die etwa 270 Kilometer lange Reise. Laut Tacho hatte die Mühle schon 570tsd Kilometer runter. Übrigens fährt der überwiegende Teil der Fahrzeuge mit Gas. Sprit kostet aber sowohl in Georgien als auch in Armenien nur ca 90 Cent je Liter.

Der 'Ortachala’ liegt ganz im Süden der Stadt. Nach kurzer Zeit hatten wir die Stadtgrenze hinter uns gelassen. Auf der Straße zum Grenzübergang 'Sadakhlo’ war um diese Uhrzeit noch nicht viel los. Die Dämmerung setzte langsam ein, ab und an überholten wir andere Fahrzeuge. Wenn so wenig los ist, kann hinter einer Biegung ja auch mal in aller Ruhe eine Schafherde die Straße kreuzen. Dumm nur, wenn man dann gerade mitten in einem Überholvorgang ist. Die putzigen Pullover-Rohstoff-Lieferanten überstanden die Nummer aber Dank guter Reaktion unseres Fahrers unbeschadet. Nach etwas mehr als einer Stunde erreichten wir den Grenzübergang. Das Aus- und Einreise-Prozedere lief völlig entspannt ab. Für Georgien benötigen EU-Bürger eh kein Visum und Armenien hat die Visum-Pflicht zu in diesem Frühjahr abgeschafft. Bild Etwa 30 Minuten hinter der Grenze wurde unser Fahrer, der bis dahin allerdings auch… nun ja… recht ‚sportlich’ unterwegs war, von der Polizei gestoppt. 120 Lari durfte er berappen. Damit war die Tour natürlich für die Katz. Extrem gut gelaunt stieg er wieder ein und ließ erst einmal eine Schimpfkanonade vom Stapel. Zwischendurch beruhigte er sich zwar wieder aber insgesamt wurde der Typ eigentlich zum Nerv-Bolzen. Mittlerweile war es hell und die Fahrt führte durch beinahe atemberaubende Gebirgs- und Steppenlandschaften. In den wenigen kleinen Städten präsentierten sich viele kaputte Betriebe und verfallene Industrie. Kann mich an nicht eine intakte Fabrik erinnern. Der Höhepunkt waren aber zwei Tunnel, die den ADAC-Tunneltestern vermutlich Herzrhythmus-Störungen verschafft hätten. Man fuhr quasi in ein dunkles, roh in den Fels gehauenes Loch ohne jede Beleuchtung. Dazu war der Straßenbelag im Prinzip nicht vorhanden. Armenien zeigte auf den ersten Eindruck durchaus, dass es zu den ärmeren Ländern gehört. Bild Wir pennten allerdings nach der umständlichen Nacht immer wieder weg und als wir um kurz nach zehn in Yerevan ankamen und er uns an einer Kreuzung aus dem Fahrzeug entließ, waren wir wohl müdigkeitsbedingt zu benebelt um auf die Fahrt ins Zentrum zu bestehen. Oder wir haben einfach nicht geschaltet. Bild Egal. Zunächst mal einen Kohle-Automat für die Beschaffung von Devisen aufgespürt. Da die armenische Schrift, genau wie die georgische, für uns so gut lesbar wie chinesisch und daher die auf den Marshrutkas ausgewiesenen Fahrtziele für uns unverständlich waren, konnten wir einem jungen Mädel zum Glück verständlich machen uns die richtige Marshrutka ins Zentrum zu zeigen. Dort angekommen war dank vorab ausgedrucktem Stadtplan auch die Orientierung wieder da und wir latschten zum vorab gebuchten 'Penthouse-Hostel’. Mann ey, bei dem Namen hätt es doch klar sein sollen… siebter Stock ohne Aufzug!!! Da merkt man doch richtig, dass der Sport in letzter Zeit zu kurz kommt. Die Butze war ganz in Ordnung, nicht zu groß, nette Service-Mädels und vor allem sauber. Für drei Nächte gab es das Dreier-Zimmer für insgesamt 50tsd Dram, etwa 90 Euro. Wir hielten uns erst gar nicht lang auf und starteten die Sightseeing-Runde. Die Hauptstadt Armeniens wird von 1,2 Millionen Menschen bewohnt und ist natürlich in jeder Hinsicht das Zentrum des Landes. Außerhalb der Innenstadt wirkt die Stadt äußerst sanierungsbedürftig. Es ist offensichtlich kein Geld da um einfachste Instandhaltungsarbeiten an Wohn- und Wirtschaftsgebäuden durchzuführen. Dadurch sehen viele der typischen Wohnblöcke sehr unansehnlich und fertig aus. Die Innenstadt ist dagegen sehr gepflegt und kann sich durchaus zeigen. Ähnlich steht es um die Infrastruktur. Während Die Straßen im Zentrum der Stadt, sowie dich wichtigen Überlandverbindungen, in Ordnung sind, ändert sich das Bild in den Vororten und erst recht außerhalb von Yerevan. Diese Metropole ist einfach eine superinteressante Mischung aus altem Sozialismus und zarter Annäherung an Europa. Die Nähe zum Orient tut das Übrige dazu. Irgendwie äußerst spannend. Yerevan empfing uns übrigens bei bestem Sonnenwetter mit knapp 30 Grad. Daher war natürlich kurze Buxe angesagt. Bild Bild Bild Scheint im Kaukasus allerdings nicht üblich zu sein, daher wird man von vielen Leuten beim Auftragen kurzer Beinkleider verstohlen aber verwundert angesehen. Nach einem Begrüßungs-Bier steuerten wir zuerst die Kaskaden an. Dieses ist ein hohes Treppengebilde bestehend aus fast 600 Stufen mit mehreren Ebenen mit Springbrunnen und Grünbeflanzung. Die Pläne dafür stammen schon aus den 30er Jahren. Es dauerte bis in die 70er bis Moskau endlich grünes Licht für den Bau gab. Fertig wurde er nie. Zu Beginn des Jahrtausends nahm sich dann ein Ami mit armenischer Abstammung der Sache an und wollte ein großes Museum in den Bau integrieren. Nach dem die Anlage renoviert wurde gab es 2009 eine pompöse Eröffnung. Seitdem stehen die unter den Treppen befindlichen Räume aber annähernd leer und die Kaskaden werden beinahe nur noch als Aussichtspunkt genutzt. Der Bau des oberen Teils ist noch immer nicht abgeschlossen. Man munkelt das Geld ist ausgegangen. Vom obersten Plateau hat man einen phantastischen Blick über die Stadt. Bild Bild Leider ist der Berg 'Ararat’, der sich majestätisch hinter der Stadt erhebt, im Sommer aufgrund des über der Stadt liegenden Dunstes nicht zu sehen. Schade – muss ein phantastisches Bild sein. Völlig platt von der Treppensteigerei bei dieser Hitze musste nach dem Abstieg erst einmal ein Weißbier seine isotonische Wirkung entfalten. Das Kosten-Niveau ist in Armenien unfassbar niedrig. Eine innerstädtische Fahrt mit der Marshrutka kostet beispielsweise 100 Dram (17 Cent) und ein halber Liter Bier kostet meist 500 bis 600 Dram (85 Cent bis ein Euro). Weiter ging es zum 'Platz der Republik’ oder auf armenisch 'Hanrapetutyan Hraparak’. Rundherum stehen Regierungsgebäude und andere repräsentative Bauten. Da heute der Unabhängigkeitstag war, liefen letzte Vorbereitungen zum großen abendlichen Fest auf dem Platz. Wir ließen uns in einem Biergarten noch einmal auf ein paar Kaltgetränke nieder, schlurften dann an der leider schon geschlossenen 'Blauen Moschee’ vorbei und dann rief endlich König Fußball!

Das Stadion 'Hrazdan’ ist in 20 Minuten fußläufig von der City zu erreichen. Obwohl von mehreren Seiten der Spielort für diese Partie bestätigt wurde, waren wir arg im Zweifel, ob diese wirklich dort stattfinden würde. Bild Es schien einerseits unglaublich, dass für die wenigen zu erwartenden Zuschauer dieses dafür völlig überdimensionierte Stadion aufgeschlossen und das hammergroße Flutlicht angeknipst würde. Andererseits kam noch der Nationalfeiertag dazu, der uns im Zweifel ließ, ob an diesem, für das armenische Volk offensichtlich sehr wichtige Tag, ein usseliges Ligaspiel genau zu der Zeit angesetzt wird, in der am ‚Platz der Republik’ der Punk abgeht. Bild Bild Das 'Hrazdan’ ist ein unüberdachtes riesiges Oval, das knapp 55tsd Menschen ausschließlich auf Sitzplätzen bietet. Die Hauptseite verfügt über einen gewaltigen zweiten Rang. Als wir um die Ecke bogen, von der der Blick auf das in einem kleinen Tal liegende große Rund frei wurde, war ich erst einmal beeindruckt wie begeistert. Diese Riesenschüssel sieht einfach nur mega aus. Als wir uns der Hütte über den Parkplatz näherten, war klar, dass im Stadion was passieren würde. Und als wir es dann bei freiem Eintritt durch das Marathon-Tor betraten und sahen, dass sich die Mannschaften warm machten, war die Sache endgültig sicher. Weltklasse! Da hab ich mir glatt mal nen kleinen Ast abgefreut. Bild Hinsichtlich des Fußball-Aspektes war das Dingen bereits mein Highlight der Tour. Ich stehe total auf diese großen angeranzten, vor sich hin faulenden Sozialisten-Schüsseln. Während der ersten Halbzeit achtete ich nicht sehr aufs Spiel sondern streunte durch das weite Rund. Das Teil ist absolut sanierungsbedürftig und bröckelt an allen Ecken. Bild Die Monier-Eisen schauen an vielen Stellen aus dem kaputten Beton und viele Sitzschalen fehlen oder sind lose. Dabei hatte der Ground erst 2007 eine Überholung im Zuge der Umwandlung in einen All-Seater erfahren. Berichten zu Folge ist vor wenigen Wochen eine erneute Sanierung angelaufen, die in einer Komplett-Überdachung gipfeln soll. Das Ganze mit dem Ziel, europäische Finalspiele austragen zu können. Zu sehen ist davon allerdings nichts und angesichts des fragwürdigen armenischen Staatshaushaltes stellt sich mir auch die Frage, wie so ein Projekt gestemmt werden soll. Der FC Ararat Yerevan blickt auf eine lange Tradition zurück. 1935 gegründet, erlebte man nach dem Krieg mehrere Phasen in der höchsten sowjetischen Spielklasse. Nach dem letzten Aufstieg 1965 verblieb man dort bis zum Ende der UdSSR und konnte 1973 gar das Double gewinnen. Es folgten später noch zwei weitere Pokalsiege. In den 70ern musste sich hier vor mehr als 70tsd Zuschauern der große FC Bayern im Landesmeister-Cup-Viertelfinale geschlagen geben, erreichte aufgrund des besseren Hinspiel-Ergebnisses aber trotzdem die nächste Runde. Das ist natürlich alles Schnee von Gestern und die Realität sieht nicht anders aus, als in vielen weiteren ehemaligen Sowjet-Staaten. Bild Fußball gespielt wird halt nur noch auf bescheidenem Niveau vor ein paar Händen voll Leuten. Die krasse Menge von etwa 180 Leuten war es am heutigen Abend. Eine kleine Gruppe von 15 Personen übte sich ab und an im zarten Support, der aber überwiegend aus einfachen ‚Ararat’-Rufen bestand. Die Gastgeber dominierten das Team von Alashkert auf bescheidenem Niveau deutlich und ballerten den Gästen die Bude voll. Nach dem Ende der Partie steuerten wir den 'Platz der Republik’ erneut an, wo die Abend-Veranstaltung zum Unabhängigkeitstag lief. Halb Yerevan war auf den Beinen. Wir nahmen auf der Terrasse einer benachbarten Bar Platz und schauten dem Treiben bei einem Bierchen zu. Gegen Mitternacht war der Akku nach über 40 Stunden ohne wirklichen Schlaf endgültig leer und wir verzogen uns in unser Hostel.

So. 22.09. 16:00 – FC Banants vs Gandzasar Kapan 0:0 (Premier League), 500 Zuschauer (20 Gäste)
So. 22.09. 19:00 – FC Ulisses vs Mika Ashtarak 1:1 (Premier League), 200 Zuschauer (50 Gäste)


Um 9:00 quälten wir uns wenig erholt aus dem Bett, da wir bei der Hostel-Ollen für 10:00 ein Taxi bestellt hatten. Eigentlich bin ich ja ein Freund davon, sich mit Öffis und Marshrutkas durchzuschlagen, aber wenn für unser heutiges Ziel ein Taxi für nur 8000 Dram (etwa 13,50 Euro, also 4,50 Euro pro Nase) zu haben ist, egal wie lange die Tour dauert, dann stellt sich diese Frage irgendwie nicht. Bild Zumal da auch noch der Aspekt der Zeitersparnis zu berücksichtigen ist. Unser Mann war ein zurückhaltender aber schüchtern-freundlicher Typ, der uns bei wiederum bestem Wetter zunächst zum eine gute Dreiviertelstunde entfernten Tempel von Garni fuhr. Bild Bild Nur wenige Kilometer hinter den Vorstädten Yerevans ändert sich das Landschaftsbild gewaltig und die Gegend wird gebirgig und zerklüftet. Bei wiederum tollem Wetter ein sehr beeindruckender Anblick. Für den Zutritt zum Tempel waren 1000 Dram Eintritt fällig. Dieser sollte im Bereich Sightseeing der einzige der Tour bleiben. Der Tempel erinnert stark an griechische und römische Tempelbauten. Gründer war aber mutmaßlich irgendso ein alter armenischer König. Dieses wollen Archäologen aus Inschriften verstanden haben. Verbrieftes zum Jahr der Erbauung wie auch zum Erbauer selbst exisiert aber nicht. Nach zwanzig Minuten hatten wir alles gesehen und weiter ging es die letzten Kilometer zum Kloster 'Geghard’, einer Klosteranlage, die teilweise in den Fels gehauen wurde. Eine sehr beeindruckende Sache, leider schon sehr touristisch orientiert und für armenische Verhältnisse sehr gut besucht, was dem Ort leider seine zweifelsohne vorhandene mystische Stimmung raubt. Das Kloster stammt aus dem 4.Jahrhundert. 500 Jahre danach rauschten die Araber durch die Region und schlugen alles kurz und klein, was ihnen fremd erschien. Im 13.Jahrhundert wurde die Anlage dann neu errichtet. Das Kloster wird auch heute noch von orthodoxen Mönchen bewirtschaftet. In der Kapelle fand gerade ein orthodoxer Gottesdient statt, dem wir einige Minuten beiwohnten. Schon eine sehr festliche und pompöse Geschichte, die für mein römisch-katholisches Bild Bild Bild Bild Bild Auge beinahe spirituell wirkte. Alle paar Minuten hatte einer das Weihrauchfass in der Hand und nebelte die Kapelle ein. Das Gewand eines Geistlichen, ein langer schwarzer Umhang mit spitz zulaufender Kapuze erinnerte stark an die Kostüme des Ku-Klux-Klan. Etwas seitlich stand ein Chor von sieben jungen Frauen, deren orthodoxe Gesänge sehr schön aber genauso fremd klangen. Es war schon sehr interessant, das eine Zeit lang zu beobachten. Gegen das Gesehene sind die uns bekannten katholischen Gottesdienste staubtrockene Veranstaltungen. Danach schauten wir uns die ganze Anlage innen und außen in Ruhe an. Noch ein paar Kerzen angesteckt – ein wenig Beistand von oben zu erbitten kann ja nicht schaden – und nach einer guten Stunde ließen wir uns von unserem Fahrer zurück nach Yerevan chauffieren. Guter Job. Da hat er sich Trinkgeld verdient, also gaben wir ihm 10tsd statt der vereinbarten 8tsd. Zunächst gab es nun ein kleines Mittagsmahl, dann brachen wir nach kurzer Erholungsphase in unserem Wolkenkratzer zum 'Stadion FC Banants’ auf. Dieses Mal per Marshrutka. Mit Nachfragen und eigenem Instinkt wurden auch die richtigen Fahrzeuge gefunden und pünktlich trafen wir im Stadtteil ‚Malatia-Sebastian’ ein.

Bild Bild Das kleine Stadion präsentiert sich nagelneu und sehr gepflegt. Eine überdachte Haupttribüne wird von einer unüberdachten Geraden und einer kleinen Hintertortribüne bewacht. Die andere Hintertorseite ist nicht ausgebaut. Hinter der ausgebauten Seite befindet sich ein Hallenbad mit den Umkleiden und der Geschäftsstelle des Clubs. Alles top-schnieke. Der Verein scheint Geld zu haben. Die Gäste aus dem südarmenischen Kapan wurden von einer Handvoll Leuten unterstützt. Ich gehe aber eher von Exil-Kapanern aus. Banants begann stürmisch schaffte aber das Tor nicht. Als ich ein wenig umher ging, sprach mich ein europäisch aussehender Mann mittleren Alters an. Bild Paul aus der Nähe von Birmingham war in gleicher Mission unterwegs wie wir. Wir waren ihm schon am Vortag unter den Zuschauermassen im 'Hrazdan’ aufgefallen. Er machte die gleiche Tour wie wir, allerdings seitenverkehrt und war in Baku gestartet. Wir verabredeten, das zweite Spiel des Tages gemeinsam zu bereisen. In der zweiten Hälfte wurden die Gäste stärker und stärker, trafen aber ebenfalls die Bude nicht. Die Folge davon war, dass meine Serie von 53 Spielen ohne torlose Begegnung riss. Bild Im vierten oder fünften Versuch fanden wir nach dem Kick auch einen Taxi-Fahrer, der in der Lage war, unser gewünschtes Fahrtziel zu verwirklichen. Am Stadion 'Vazgen Sargsyan Hanrapetakan' angekommen, war noch ein wenig Zeit und wir tranken mit unserem neuen Bekannten ein hektisches Bier. Danach schnell rüber zum Ground. Dieser bekam seinen Namen im Gedenken an einen Verteidigungsminister, der 1997 zusammen mit anderen Regierungs-Angehörigen bei einem Attentat auf die Nationalversammlung ermordet wurde. Bild Der Anpfiff erfolgte während wir noch wenige Meter vom Eingang entfernt waren. Der Referee hatte zu früh angepiept. Schnell umgesehen – puh! Die Groundhopping-Polizei war nicht vor Ort. Schwein gehabt. Eintritt war wie auch beim ersten Spiel des Tages wieder frei. Schade, keine Eintrittskarte in Armenien. Diese Trophäe blieb erwartungsgemäß verwehrt. Bild Offenbar will man die wenigen Leute, die sich das Gemurkse immer wieder ansehen, nicht auch noch mit der Erhebung von Eintrittsgeldern vergraulen. Das Stadion war im Gegensatz zum Spiel recht ansehnlich. Es bietet 14.400 Zuschauern Platz und wird teilweise auch von der National-Elf bespielt. Die Kurven sind von Säulen-Bogen-Konstruktionen gesäumt. Schaut gut aus. Der Underdog Ulisses ging in der zweiten Hälfte in Führung. Der Überraschungssieg blieb aber verwehrt, da der Noch-Tabellenzweite Mika kurz vor Ende nach einer Aktion im vierten Nachschuss noch ausglich. Wir verabschiedeten uns nun von Paul, der am nächsten Morgen die Heimreise ins Vereinigte Königreich antrat und suchten uns ein Etablissement für unser Abendmahl. Ein unscheinbarer kleiner Laden erfüllte alle Kebab- und Falaffel-Wünsche. Danach wollten wir noch ein paar Getränke zu uns nehmen. Gegenüber unseres Hostels befanden sich beinahe nebeneinander drei bunt beleuchtete Karaoke-Bars. Stand zumindest dran. Also steuerten wir mal einen Laden an. Der Security-Heini fragte nach unserer Nationalität, um uns dann aber zu sagen, dass wir nicht rein kämen. Die Erklärung warum fiel der Sprachbarriere zum Opfer. Also einen Laden weiter. Auch hier das ähnliche Prozedere. Allerdings schnallten wir dann, dass wir nur in weiblicher Begleitung Eintritt gewährt bekämen. Okay. War erstmal ein Problem, da wir auf die Schnelle keine Mädels akquirieren konnten und sich unsere eigenen weiblichen Züge in Grenzen hielten. Also ab in eine andere Bar, bis diese gegen 1:00 schloss. Schon ganz gut im Fahrwasser latschten wir wieder zu ersten Karaoke-Bar, wo sich der Security-Typ kaputt lachte als er uns sah. Er setzte sich aber offenbar für uns ein und drin waren wir in dem Ding. Der Laden entpuppte sich als Russen-Disko in der ordentlich die Bässe wummerten. Ganze 20 Personen waren zugegen, die aber ordentlich zu feiern wussten. Wir hatten nach einem Bier genug, verließen das Ding wieder und steuerten die nächste Bar an, wo noch ein paar Biere genascht wurden bis es uns gegen 2:30 ins Bettchen zog. Guter Suff!

Mo. 23.09. – Sevan-See

Wir pennten wir bis 10:00 und wachten mit nem schönen Pappmaul auf. Nachdem eine intensive Zahnpasta-Behandlung wieder einen geordneten Zustand ins Esszimmer gebracht hatte, starteten wir gegen 11:30 unseren geplanten Ausflug zum Sevan-See, eine gute Stunde Fahrt nordöstlich von Yerevan. Bild Zunächst ging es per Taxi zum nördlichen Busbahnhof, von dort dann für unfassbare 600 Dram (1 Euro) nach Sevan. Die Stadt kann nicht viel und wirkt sehr heruntergekommen. Also machten wir uns per pedes in Richtung des Sees auf, wo auch ein Kloster zu bestaunen sein sollte. Nach einigen hundert Metern stellte sich heraus, dass die Nummer sehr zeitintensiv werden würde, da wir irrigerweise davon ausgegangen waren, dass Sevan sich direkt am gleichnamigen See befindet. Zum Glück erkannte ein entgegenkommender Taxi-Opi unsere ratlosen Gesichter und hielt an. Wie nun dem Mann erklären wo wir hin wollten. Tobias kam auf die glorreiche Idee einen Schwimmzug anzudeuten und schon ging es los. Und der Mann brachte uns an exakt den Ort am See, wo wir auch hin wollten, nämlich zum Kloster 'Sevanavank'. Hammer-Typ! Bei etwa sieben oder acht gefahrenen Kilometern wollte er nun 1000 Dram von uns haben. Weil uns das aber absurd wenig vorkam und für die Top-Leistung, unser Ansinnen ohne jede gemeinsame sprachliche Basis sofort zu begreifen, erhöhten wir um 100%. Der Sevan-See ist doppelt so groß wie der Bodensee und liegt auf 1900 Metern über NN. Damit ist einer er einer der größten Hochgebirgsseen der Erde. Da auch Yerevan beinahe auf 1000 Metern liegt, kam uns die Fahrt zum See gar nicht so steigungsintensiv vor. Bild Da sich das Wetter heute nicht von der besten Seite zeigte und es nun auch noch zu regnen begann, suchten wir zunächst das Restaurant unterhalb des Klosters auf. Das Essen war gut, das Bier auch und der Regen hatte auch aufgehört. Bild Also nahmen wir mal das Kloster in Angriff. Ursprünglich lag das Kloster auf einer Insel. Weil aber zu Sowjetzeiten aus dem See große Wassermengen zur Bewässerung der Landwirtschaft entnommen wurden, sank der Wasserspiegel um mehr als zwanzig Meter und machten aus der Insel eine Halbinsel. Vom Kloster sind nur noch die beiden Kapellen als Gebäude intakt geblieben. Vom Rest sieht man nur noch die Grundfesten. Das Kloster wurde im 9.Jahrhundert gegründet und bis 1930 bewirtschaftet, als die letzten Mönche mit zunehmender Stalinisierung den Ort verlassen mussten. Bevor wir nun den Rückweg antraten sollte noch ein Bier in einer Bar her. Zu meiner persönlichen Freude saß am Nebentisch ein etwas angetrunkener Einheimischer, der mich gleich ins Herz schloss und auf Armenisch voll quatschte. Alle Beteuerungen ihn nicht nicht zu verstehen halfen nix. Er laberte fröhlich weiter. Seine Zuneigungsbekundungen gipfelten schließlich darin, dass ich in an der Wange kleben hatte. Super! Zum Glück war sein Bier alle und schlich sich seines Weges. Bild Schlauerweise hatten wir zum ersten Mal bestellt ohne nach dem Preis zu fragen - klassischer Anfängerfehler. Dafür durften wir dann direkt das Dreifache dessen bezahlen, was bisher für Bier aufgerufen wurde. Bei 1500 Dram pro Bier hielt sich die Katastrophe zwar in Grenzen aber da geht’s ja irgendwie ums Prinzip. Wer lässt sich schon gern verarschen? Steckt's euch wohin, ihr Affen! Nun war es kurz vor 17:00 und wir mussten zurück nach Sevan. Der Taxi-Fahrer bedeutete uns nach Nennung unseres Zieles „Marshrutka to Yerevan“, dass wir die letzte Verbindung knapp verpasst hätten, da diese um 17:00 abfuhr. Wir ließen uns natürlich trotzdem dorthin kutschen und nun wurde es richtig klasse. Unser Fahrer hatte nicht gelogen. Im Büro, wo die Tickets zu erwerben waren, wurden die beiden anwesenden älteren Herren nämlich mega-hektisch. Der eine fing sofort an zu telefonieren und der andere zog uns in seinen privaten Lada und ab ging die Fahrt. Nach etwa einem Kilometer wartete am Straßenrand die Marshrutka auf uns. Geld wollte der gute Mann für seinen Transfer-Dienst natürlich nicht haben. Klasse Aktion! So kamen wir also für 600 Dram zurück in die Hauptstadt statt für 7000 Dram mit dem Taxi. Wobei… nicht mal 12 Euro für 50 Kilometer mit dem Taxi…! In Yerevan angekommen gingen wir wieder im Laden des Vorabends speisen. Das Kebab war aber auch wirklich Klasse!! Für Neuerungen waren wir nicht mehr zu haben, also landeten wir auch wieder einer der Vorband-Bars. Dort entdeckte nun Tobias den Klingelknopf mit dem man die Bedienung rufen kann. Sehr zur Freude derselbigen versteht sich. Gegen Mitternacht wurden wir wegen Ladenschluss hinaus gebeten. Ganz gut so – am nächsten Morgen sollte es ja früh losgehen.

Di. 24.09. – Rückkehr nach Tbilisi

Bild Bild Um 6:30 klingelte der Wecker, da wir spätestens um 8:00 in einer fahrenden Marshrutka sitzen wollten. Mit dem Taxi fuhren wir die knapp fünf Kilometer zum Busbahnhof 'Kilikya Avtokayan’ und der Taxi-Fahrer rief doch glatt 250 Dram auf! Geht’s noch? Das waren ja hammerharte 40 Cent!!. Das geht echt nicht. Also verschufen wir ihm das bisher möglicherweise einmalige Erlebnis von 300% Trinkgeld und gaben ihm zumindest 1000. Echt unfassbar diese Preise. Eine Marshrutka stand schon bereit, nur fehlten leider noch einige Passagiere zur Komplettierung. Und da Dinger ja nun mal erst fahren, wenn sie voll sind, war nun Warten die Devise. Es dauerte bis beinahe halb neun bis es losging. 6500 Dram, also knapp elf Euro, kostete die Fahrt. Yerevan hat mir gut gefallen. Eine sehr interessante Mischung, die genau meinen Geschmack trifft. Der Fahrer hatte seine eigenen Vorstellungen von Sitzordnung und so landeten Tobias und ich auf der undankbaren letzten Bank. Hinter der Hinterachse sitzend wird man auf den teils mangelhaften Straßen schön durchgeschüttelt. In einem dieser preisgekrönten Tunnel hatten wir dann Gegenverkehr durch zwei Sattelzüge. Vor unserem Fahrzeug waren noch weitere Marshrutki, so dass es in der stockfinsteren, nur durch die Fahrzeug-Scheinwerfer ausgeleuchteten Röhren eine schönes Gedrängel und Gequetsche gab. Bild Hammer! Die bergige Gegend wird aber je näher man der Grenze kommt wirklich immer atemberaubender. Und das zunächst eher graue Wetter wurde immer besser. Auch klasse, dass immer wieder Rinder an und auch direkt auf der Fahrbahn standen. Die Fahrer rasen an den Viechern teilweise sehr knapp und schnell vorbei. Aber die Hörnertiere bringt nichts aus der Ruhe. Absolut skurril. Die Grenzabwicklung war easy wie auf der Hinfahrt und circa 13:30 trafen wir am 'Ortachala’ ein. Dort ließen wir die anstürmende Taxi-Mafia links liegen und hielten ein Taxi an der Straße an. Der Mann wirkte zwar etwas verpeilt, erledigte seinen Job aber halbwegs zufriedenstellend. Ich vermute wir haben uns beim Austausch über das Ziel missverstanden. Anders kann ich mir nicht erklären, warum er uns in der Notaufnahme im zu unserer Unterkunft benachbarten Krankenhaus absetzen wollte .

Unser auserwähltes 'Caravan Hostel' lag zwar nicht gerade zentral aber die sehr guten Bewertungen waren ausschlaggebend für die Buchung. Eine Metro-Station war fußläufig nur wenige Minuten entfernt. Das Hostel entpuppte sich eher als kleines Guesthouse mit nur drei Zimmern. Zu jedem Zimmer gehörte ein eigenes Bad. Die junge Dame, die uns empfing war aber sehr freundlich und sprach sogar ganz passabel Deutsch, wie wir bald herausfanden. Nach kurzem Frischmachen war das erste Ziel der Bahnhof. Für den Weg dahin nutzten wir die Metro. Diese ist recht modern und man muss eine Chipkarte für zwei Lari (90 cent) kaufen, um diese dann mit Fahrten aufzuladen. Das Preissystem ist etwas umständlich aber man zahlt in keinem Fall mehr als einen halben Lari je Fahrt. Der Bahnhof ist ein hässlicher Betonklotz, der auch viele Geschäfte beinhaltet. Im dritten Stock befinden sich die Ticketschalter. Einer der Schalter ist immer mit einer der englischen Sprache mächtigen Person besetzt. In diesem Falle sprach das Mädel, dass uns bediente, auch noch gutes Deutsch. Bild Bild Nach ein paar Minuten hatten wir die 2.Klasse-Tickets für drei Betten im Vierer-Abteil im Donnerstags-Nachtzug nach Baku in der Hand. Es war nun etwa halb vier. Um 16:00 sollte laut Soccerway-Infos in der Nähe ein Drittliga-Spiel über die Bühne gehen. Der Spielort sah gemäß Google Maps zwar nach normalem Pitch ohne Ausbau aus, aber wir wollten wenigstens mal vorbeischauen. Bild Eine Station ging es mit der Metro nach Norden und dann noch einmal etwa 6-700 Meter die Straße hoch. Dass der Platz nix konnte stimmte absolut. Aber gespielt wurde hier auch nicht. Es fand nur Jugend-Training statt. Mal versucht den richtigen Spielort zu erfragen, was aufgrund der fortgeschrittenen Zeit eh egal war. Aber wir scheiterten an fehlender Verständigungsbasis. Die, die wahrscheinlich was wussten, verstanden uns nicht. Und die, die uns möglicherweise verstanden, wussten offenbar nix. War aber auch ziemlich egal, außerdem weckte ein Restaurant, das bayrische Biere führte, unsere Neugierde. Allerdings landeten wir dann doch wieder beim einheimischen Gesöff. Etwas zu Essen bestellten wir auch noch. Allerdings wurde die Bedienung ihrem Anspruch, die Bestellung ohne sie aufzuschreiben Bild Bild behalten zu können, nicht so richtig gerecht. Am Ende fehlte die Hälfte. Bild Sehr zum Leidwesen von DiWa, der sich dann an dem von uns übrig Gelassenen labte. Nach der Füllung der Mägen fuhren wir mit der Metro in die Altstadt und latschten dort ein wenig ziellos durch die Gegend. Nach einer Sightseeing-Runde suchten wir nach einer biertauglichen Bar. So richtig passte uns keiner der Läden in den Kram, so dass wir uns irgendwann nicht richtig zufrieden einfach im nächstbesten Schuppen auf ein Bierchen niederließen. Der Abend wollte aber partout nicht an Fahrt aufnehmen, so dass der neue Plan ein paar Biere und Chips im Mini-Markt zu holen und sich ins Hostel zurückzuziehen. Dort angekommen war auch der Besitzer eingetroffen und spendierte uns einen Begrüßungs-Rotwein. So klang der Abend dann bei den vorhandenen Getränken und einer Runde Mau-Mau aus.

Mi. 25.09. – Stepantsminda

Bild Um halb neun war wieder Aufstehen angesagt. Heut stand ein Ausflug an, der mir sehr am Herzen lag. Der kleine Ort Stepantsminda in der Region Kazbegi war unser Ziel. Per Metro ging es zur nördlichen Busstation 'Didube’. Herrlicher Ort. Wahnsinns-Gewusel aus Marktständen, Wechsel- und Fressbuden und natürlich Marshrutkas so weit das Auge reicht. Wir hatten kaum einen Fuß aus der Station raus gesetzt, da stürmte schon ein Fahrer auf uns zu und schrie uns fragend mit "Kazbegi?" an. Gut erkannt, alter Mann. Also dem Mokel mal hinterher und für 10 Lari in die Schaukel eingebucht. So eilig wie und der Mann zu seinem Gefährt geschleift hatte, dachten wir, es ginge sofort los. Natürlich weit gefehlt - wir waren eher die ersten Fahrgäste als die Komplettierung der Interessengemeinschaft. Bild Es dauerte noch eine gute Viertelstunde bis der 18-Sitzer gefüllt war und die Reise gegen 10:45 begann. Einige Kilometer hinter Tbilisi endete die dichte Bebauung auf, der Bus verließ die Autobahn, die Richtung Westen führt, und bog gen Norden ab. Der größte Teil von Tbilisi liegt auf etwa 400 Meter, unser Fahrtziel Stepantsminda auf 1700 Meter. Der Ort liegt an der 'Georgischen Heerstraße', der Verbindung zwischen dem nordossetischen Vladikavkaz und Tbilisi, deren Streckenführung schon seit dem 18.Jahrhundert. Bild Auf dem mach Stepantsminda überquerten wir den 2379 Meter hohen 'Krestowaja Gora', den 'Kreuzpass'. Der 'Aufstieg' ging durch wahrhaft faszinierende Landschaft, die zunächst an die Alpen erinnerte und dann immer wilder uns zerklüfteter wurde. Wirklich traumhaft schön Bild und das ganze sah bei richtig gutem Wetter noch besser aus. Bei einer kurzen Pause an einigen Verkaufsständen probierte ich sogenannte 'Tschurtschchela' aus. Das sind Walnüsse, die in fest gewordener Traubensaft-Kuvertüre eingelegt sind - nicht wirklich schlecht, aber gewöhnungsbedürftig. Hinter einer Biegung hielt uns dann eine vermeintliche Baustelle auf. Diese entpuppte sich allerdings als Erdrutsch, der die Fahrbahn versperrte. Arbeiter waren damit beschäftigt die Erdmassen mit schweren Maschinen und Lkw zu beseitigen. Während bereits einige Fahrzeuge warteten, quetschte sich unser Fahrer nach kurzer Wartezeit entschlossen, zwischen Bagger, Geröll und Abgrund hindurch. Zwischendurch wurde auch der Blick auf einen wolkenfreien 'Kazbek' frei, mit 5047 Metern der dritthöchste Berg Georgiens und der achthöchste des gesamten Kaukasus. Um circa 13:00 kamen wir in Stepantsminda an, das nur noch zehn Kilometer von der Grenze zu Russland und nur 50 Kilometer von Vladikavkaz entfernt liegt.

Oberhalb des Ortes, auf etwa 2200 Metern, liegt die kleine Kirche 'Tsminda Sameba', die 'Dreifaltigkeitskirche', erbaut im 14.Jahrhundert, die wir erreichen wollten. Der ursprüngliche, wohl zu ambitionierte Plan, war, die Kirche fußläufig zu erwandern. Die auf Kunden wartenden Jeep-Fahrer konnten uns aber glaubhaft versichern, dass dieses in der im 'Lonely Planet' kommunizierten Stunde nicht machbar sei, sondern eher zweieinhalb in Anspruch nehmen würde. Also sicherten wir uns kurzentschlossen die Dienste eines älteren Mannes, der uns für 45 Lari pro Person mit seinem 'Lada Niva' hinauf fuhr. Der Weg dort hoch entpuppte sich aher als altes Bachbett, denn als Schotterweg. Wahnsinn, wie wir durchgeschüttelt wurden und Wahnsinn, was diese alte Karre alles aushielt. O-Ton des Fahrers. Bild "Lada Niva is a very good car for mountains". Kann ich nur bestätigen. Der Haufen kletterte wirklich ohne zu murren über Stock und Stein. Nach gut 25-30 Minuten kamen wir an der 'Tsminda Sameba' an. 30 Minuten Aufenthalt waren vereinbart "Time is money" sagte der Fahrer. Sollte später noch wichtig werden. Dort oben wehte ein unglaublich steifer Wind, der uns fast vom Berg wehte. Aber es boten sich unvergessliche und unendlich beeindruckende Perspektiven. Meine Vorstellungen wurden weit übertroffen. Bild Einziger Wehrmutstropfen war, dass sich der 'Kazbek' nun eine Wolkenhaube aufgesetzt hatte. Tobias zog sich allerdings den Unmut des Kirchen-Personals zu, als er verbotener Weise ein Foto des Inneren machen wollte. Der Typ wurde mächtig sauer und schmiss Tobias direkt aus der Kirche. Stadionverbot im Gotteshaus! Muss man erstmal hinbekommen. Bild Alex und ich versuchten sofort mit "Gegen alle Kirchenverbote!"-Rufen und "Kirchenverbotler immer mit uns!"-Transparenten gegen die Entscheidung zu protestieren. Nein Quatsch, aber wir haben uns köstlich darüber amüsiert, weil Tobias das auf Schildern kommunizierte Foto-Verbot schlicht übersehen hatte Bild und so herrlich blöd aus der Wäsche geschaut hat, als er den erzürnten Mann auf einmal am Ärmel hängen hatte. Hoffentlich ist Tobias nun nicht in der Datei 'Gewalttäter Kirche' registriert. Nachdem wir uns an den Anblicken satt gesehen hatten, traten wir den Rückweg an. "Time is money" war ja die Devise und nach dem Motto fand auch der 'Abstieg' statt. Der alte Mann gab alles mit der Karre und überholte gar auf einem Parallelweg andere Off-Roader mit einem Affenzahn. Falls einer nicht weiß, was Michael Schumacher heutzutage macht - ich bin überzeugt davon, er hat sich eine Georgier-Opa-Maske aufgesetzt und fährt Bergrennen in Stepantsminda! Was für ein Ritt!!! Kann man mit Worten kaum beschreiben. Aber der Gute wusste mit seinem Fahrzeug umzugehen und brachte uns sicher wieder in den Ort. Dort angekommen zog es uns in ein kleines Cafe-Restaurant zum Essen. Ich entschied mich für ein traditionelles 'Chaqapuli', eine Suppe mit Gemüse und Lammfleisch. Sehr lecker. Kurz nach 16:00 traten wir mit der Marshrutka den Rückweg an. Das Himmel hatte sich zugezogen und es war in dieser Höhe gut kalt geworden. Um 18:00 waren wir back in town. Etwas geplättet wurde gruppendynamisch entschieden, sich mit etwas zu Essen und einigen Bieren in unser Hostel zurückzuziehen. Mich lachten ständig diesen dicken, fetten, knallroten Tomaten an den Gemüseständen an. Also mal zwei von den Strauchfrüchten und ein Fladenbrot gekauft und dann gab es für mich Tomatenbrote. Und die Dinger schmeckten auch so richtig nach Tomate, anders als die Wasserbomben die man hier zu kaufen bekommt. Der Abend klang dann bei Internet und Mau-Mau aus.

Do. 26.09. - Tbilisi und Abfahrt nach Baku

Bild Gegen 9:00 quälten wir uns aus dem Bett, da wir vor der nachmittäglichen Abfahrt nach Baku noch etwas von Tbilisi sehen wollten. Die Hauptstadt Georgiens hat etwa 1,2 Millionen Einwohner. Damit lebt dort mehr als ein Viertel der georgischen Bevölkerung. Das Stadtbild ist dem von Yerevan baulich und infrastrukturell sehr ähnlich. Insgesamt scheint Tbilisi und Georgien allgemein aber finanziell besser gestellt als der südliche Nachbar. Bild Obwohl man auch genug Bruchbuden entdecken kann, wirkt vieles doch intakter und einige Häuser und Straßen sind in saniert und daher in ordentlichem bis gutem Zustand. Auch das Preisniveau ist etwas höher als in Armenien, wobei es für West-Europäer trotzdem unfassbar günstig ist. Der heutige Tag entpuppte sich als 'Tag des Wiedersehens'. Zunächst sahen wir in der Metro eine junge Frau, die sich durch ihr markantes Aussehen deutlich von der üblichen Bevölkerung abhob und daher auffiel. Mit diesem Mädel waren wir schon am Vortag zusammen in der Metro gefahren. Bild Als wir das Gepäck am Hauptbahnhof eingelagert hatten, führte der erste Weg auf Tobias besonderen Wunsch zur Seilbahn, die das östliche Ufer des Flusses 'Kura' mit der über der Altstadt thronenden Festung 'Narikala' verbindet. Bild Nachdem wir diese schwebend erreicht hatten (und den Eingang zur Festung irgendwie nicht fanden), latschten wir rüber zur Statue 'Kartlis Deda', der 'Mutter Georgiens'. Vom Panorama-Weg zwischen Festung und Statue hat man einen phantastischen Blick auf die Stadt. Unser Blick fiel auf den Fernsehturm, der sein Fundament auf dem benachbarten Hügel 'Mtzaminda' hat. Da wir eh die lose Absicht hatten mit dem Funicular zum Fernsehturm raufzufahren, erschien uns die Alternative attraktiv, stattdessen um den in der Karte eingezeichneten Fußweg zu nehmen, der der Erhöhung um den Altstadt-Talkessel folgt. Nach einer guten Viertelstunde erreichten wir eine Stelle, die die letzte Chance bot, doch hinunter in die Altstadt zu stiegen. Es folgte die einzige Trennung der Reisegruppe während der ganzen Tour... schnief ... während Tobias seinem ungeeigneten Schuhwerk nachgab, zollte DiWa seiner Raucher-Lunge Tribut. Bild Also machte ich alleine auf den Weg zum Fernsehturm. Dort kam ich ziemlich genau nach der geschätzten halben Stunde an. Bild Dort hielt ich mich aber nicht lange auf, schoß ein Foto vom einige 'Boris-Paichadzis-Stadion' und fuhr mit dem Funicular runter zum verabredeten Treffpunkt. In einer Art Schnell-Restaurant aßen wir etwas und tranken ein gutes 'Kazbegi'-Bier. Die Fleischspieße und Blätterteigrollen schmeckten mir so gut, dass ich mich gleich noch mit Proviant für die Zugfahrt eindeckte. Dann war es auch Zeit, zum Bahnhof aufzubrechen. Auf dem Weg zur Metro-Station kam es zu Wiedersehen Nummer zwei, denn wir trafen auf ein polnisches Pärchen, das mit uns am Dienstag in der Marshrutka von Yerevan nach Tbilisi gesessen hatte. Am Bahnhof lösten wir das Gepäck aus und hatten nun noch genug Zeit ein gezapftes 'Efes' zu schlürfen und für die anderen beiden Fahrtverpflegung zu besorgen. Kurz nach vier enterten wir mit ein paar Bieren bewaffnet den Zug, der nun für die nächsten siebzehn Stunden unsere Behausung sein sollte.

Der Zug samt Besatzung war aserbaidschanischer Herkunft und schon einige Jahrzehnte auf dem Buckel. Aber genau das macht es ja kultig. Ich fahre in fremden, vorzugsweise etwas vorsintflutlicheren Ländern gerne Zug. Die Langsamkeit macht mir nichts aus. Im Gegenteil, die Langsamkeit macht es aus! Das alles etwas ursprünglicher ist und nicht so geleckt und geordnet wie in westeuropäischen Zügen, ist ja gerade das reizvolle. Bild Auch dieses charakteristische gleichmäßige metallische Geräusch, wenn die Achs-Paare die unverschweißten Gleisverbindungen passieren finde ich absolut entspannend. Unser vierter Mann im Abteil war russischer Herkunft und hatte mit uns am Vortag im Mini-Bus nach Stepantsminda gesessen. Wie klein ist eigentlich die Welt? Eigentlich ein ganz verträglicher Zeitgenosse, der uns ab und an auch eine wertvolle Hilfe bei der Kommunikation mit der nervigen Waggon-Matilda war, die ständig irgendeinen Scheiß von uns wollte. Der Durst war groß und als wir nach knapp eineinhalb Stunden den georgischen Grenzposten erreichten, war die Munition schon fast alle. Zum Glück gab es einen kleinen Kiosk bei dem wir für teures Geld Nachschub holen konnten. Die Ausreise war recht easy, nahm aber doch viel Zeit in Anspruch. Erst nach einer Dreiviertelstunde rollten wir die wenigen Kilometer zum aserbaidschanischen Posten weiter. Dort wurde es schon ein wenig genauer mit der Grenzkontrolle und die armenischen Stempel in unseren Pässen machten die Geschichte ja nun auch nicht besser. Bekanntermaßen befinden sich Aserbaidschan und Armenien offiziell immer noch im Kriegszustand. Grund ist der Konflikt um 'Nagorny Karabagh', zu Deutsch 'Berg-Karabach'. Es besteht allerdings seit 1994 ein Waffenstillstandsabkommen, dass bis auf kleiner Scharmützel an der Waffenstillstandslinie auch eingehalten wird. Der Konflikt um diese Region besteht schon seit hunderten Jahren. Berg-Karabach wurde seit jeher mehrheitlich von Armeniern bewohnt. Sowohl Armenien als auch die Azeri beanspruchen das Gebiet für sich. Das Zentralkomitee der Sowjetunion sprach 'Berg-Karabach' zu Beginn der 20er Jahre der Aserbaidschanischen Republik zu. In den 60er flammte der Streit dann neu auf bis es Ende der 80er zur Eskalation kam, die zunächst zu Massen-Demos und letztlich zu bewaffneten Kämpfen führte. In den Folge-Jahren kam es zu Massakern auf beiden Seiten, durch die in verschiedenen Städten die jeweils schwächere ethnische Gruppe nahezu ausgelöscht wurde. Man darf hier wohl durchaus von Genoziden sprechen. Am 12.Mai 1994 wurde dann endlich ein Waffenstillstand vereinbart. Seit diesem Zeitpunkt ist 'Nagorny Karabagh faktisch unter armenischer Kontrolle, auch wenn die Region sich offiziell als 'Republik Bergkarabach' unabhängig erklärt hat. Gleichwohl wird diese international nicht anerkannt. Soweit die (vereinfachte) politische Situation, die - das kann man aus den wenigen Sätzen erkennen - wahrhaft nicht einfach, sondern eher völlig festgefahren und annähernd unlösbar erscheint. Bei Planung der Tour musste ich schon ein wenig darüber nachdenken, ob mir ein Zweitbesuch in diesem Land die Visum-Gebühr von mittlerweile saftigen EUR 100,-- wert ist. Nebenbei stelle ich mir die Frage, ob es wohl ein Land gibt, das noch höhere Gebühren zur Visa-Ausstellung verlangt. Jedenfalls kam ich zu dem Entschluss, dass ich mich durchaus noch einmal mit diesem Land befassen möchte, da ich bei meinem Erstbesuch ja kaum etwas von der Basis mitbekommen hatte. Der Staat Aserbaidschan sieht sich als Brücke zwischen Okzident und Orient, also zwischen dem christlichen Abendland und dem Morgenland. Unbestritten hat die geographische Lage zur Folge, dass sich viele Kulturen und mehrere Religionen in diesem Land finden und vereinigen. Davon wollte ich mir noch einmal einen tieferen Eindruck verschaffen. Von verschiedenen Leuten hatte ich gehört, dass man einerseits Glück haben kann und alles ganz locker verläuft oder aber, dass man nen Haufen dumme Fragen gestellt bekommt, obwohl offensichtlich ist, dass man rein touristische Absichten hat und die Jungs doch in jedem Zug ein paar Dutzend Hanseln unseres Art abfertigen. In jeden Waggon kommen ein paar Grenzer und errichten einen temporären Stützpunkt in einem leeren Abteil, in das die Zug-Passagiere dann einzeln rein gerufen werden. Für mich lief alles ganz locker. Der gut Englisch sprechende Grenzer fragte mich wie dies und das auf Deutsch heißt und es wurde viel gelacht. Bei Alex, der als nächster dran kam, war wieder alles ganz anders und er musste sich für seinen Armenien-Aufenthalt rechtfertigen. Komische Aktion. Bei Tobias war dann wieder alles ganz entspannt. Auch hier gab es einen Kiosk, wo wir noch mal Stoff kaufen konnten. Irgendwann zockelte unser Turbo-Express dann weiter und der Abend versank in Mau-Mau und Bier bis wir uns nach Mitternacht in die Waagerechte begaben.

Fr. 27.09. - Baku

Ziemlich gerädert wachte man vor acht Uhr auf. Unser Russe entpuppte sich als konsequenter Schnarcher gegen den nicht mal Säge DiWa was ausrichten konnte. Dazu das Geschaukel auf schlechten Schienensträngen sowie unzählige Stops an jeden halbwegs stabilem Baum. Erholsamer Schlaf sieht anders aus. Bild Dazu kam dann noch, dass die Waggon-Olle ab halb acht nervte, weil sie das Bettzeug wiederhaben wollte. Der Alkohol-Konsum gab den Rest dazu. Egal. Krone richten und die letzten knapp zwei Stunden bis Baku am Fenster gechillt. Die Landschaft war wo wie ich sie in Erinnerung hatte - karg und trist - und wechselte mit schäbiger Industrie und verfallenen Häusern ab. Mit nur wenigen Minuten Verspätung trafen um Viertel nach Neun am Hauptbahnhof von Baku, oder auf Azeri: Baki, ein. Baku zum Zweiten also. Vor ziemlich genau drei Jahren war ich ja schon mal zu Gast in dieser Stadt, als die Dortmunder Borussia in der Europa League-Quali gegen Qarabag Agdam antrat. Damals bekam ich als Incentive die Luxus-Variante von meinem Arbeitgeber geschenkt. Einer der Geschäftsführer ist Sympathisant der Schwarz-Gelben und aus einer harmlosen Blödelei wurde plötzlich diese Reise mit dem Mannschafts-Flieger in einer Gruppe von Vertretern der BVB-Sponsoren, Gewinnspielsiegern und Selbstzahlern, insgesamt etwa 25 Personen. Und auch Nobbi Dickel - wie sich herausstellte, ein echt witziger und angenehm normaler und umgänglicher Typ - war mit dabei. Bild Jedenfalls beschloss ich auf diesem Zwei-Tage-Ausflug, dass ich die gesamte Kaukasus-Region baldigst bereisen und dann auch noch einmal nach Baku kommen werde, um die Stadt noch einmal aus der ebenerdigen Perspektive zu erleben. Baku, auf der Halbinsel 'Absheron' am Kaspischen Meer, liegt 28 Meter unter Normalnull und ist damit tiefgelegenste Hauptstadt der Welt. Offiziell hat die Stadt etwas mehr zwei Millionen Einwohner. Inoffiziell sollen es gut doppelt so viele sein, was die weitreichende Bebauung wohl auch bestätigt. Die Stadt blickt auf eine Jahrtausende alte Geschichte zurück. Schon früh bekam die Baku eine besondere Bedeutung da mehrere historische Handelswege durch sie hindurch führen. Auch heute ist Baku die größte und bedeutendste Stadt am Kaspischen Meer. Die Stadt macht seit dem Ende des Sowjet-Reiches und der damit verbundenen Unabhängigkeit eine rasante Entwicklung durch. Bild Bild Durch die Mengensteigerung in der Ölförderung kam Aserbaidschan und besonders die Hauptstadt zu Reichtum, der sich vor allem in immer imposanteren neuen Gebäuden ausdrückt. Die breite Bevölkerung profitiert in des weniger vom Öl. Die große Kluft zwischen Arm und Reich ist offensichtlich. Während man auf der einen Seite reichliche fette Karren (der Literpreis für Kraftstoff beträgt umgerechnet nicht mal 50 Euro-Cent) und mit Goldketten behangene Bonzen sieht, nimmt man ebenso die ärmlichen Verhältnisse vieler Stadtviertel wahr. Dabei hat die Stadt durchaus Atmosphäre, die man in dieser Art wohl nur selten auf der Welt finden wird. Hier trifft das Abendland auf das Morgenland und der verblichene Sozialismus drückt der ganzen Sache noch einen leichten Stempel auf. Schöne alte Gebäude im russischen Kolonialstil treffen auf halbverfallene Plattenbauten der Sowjet-Epoche.

Das vorab gebuchte Hotel befand sich nur zehn Minuten Fußweg vom Bahnhof entfernt, so dass wir gegen halb zehn dort eintrafen. Das Personal war sehr freundlich, bat uns um ein wenig Geduld und richtete unser Zimmer her, das wir dann frühzeitig beziehen und uns duschen und ausruhen konnten, was nach der wenig erholsamen Nacht natürlich sehr angenehm war. Schwein gehabt. Allerdings hatte das zur Folge, dass wir mal wieder zu lange durchhingen und am Ende die Zeit zu knapp war, um einen ursprünglich angedachten weiteren Ausflug über die Grenzen der Stadt hinaus zu starten. So lösten wir uns erst gegen 13:00 aus dem Zimmer und kehrten schon zwei Straßen weiter in ein kleines Restaurant ein. Dort wurd es sportlich, da der Inhaber und wir nicht ansatzweise eine sprachliche Basis hatten. Dass Tobias Vegetarier ist, macht die Sache natürlich noch schwieriger. Bild Die Bier-Bestellung war schnell erledigt aber bis wir geklärt hatten, dass DiWa und ich 'meat' und Tobias 'no meat' wollten, nahm schon ein paar Minuten in Anspruch. Letztlich hatten wir also nur 'mit Fleisch' und 'ohne Fleisch' bestellt und durften uns überraschen lassen, was da denn so kam. Das Ergebnis war eine Suppe mit Rindfleischstücken und Kartoffeln für die Fraktion Fleisch und Salat und Pommes für den Pflanzenfresser. Am Ende zahlten wir für drei Bier und drei Essen 12 Manat. Das sind ganze 11,20 Euro. Mit der Metro fuhren wir zur Station '20 Yanvar'. Von dort liefen wir zum neuen großen Busterminal 'Beynalxalq Avtovagzal'. Nach einiger Sucherei konnten wir zunächst die Bus-Tickets für die Rückkehr nach Tbilisi in der Nacht von Samstag auf Sonntag für 13 Manat pro Person klarmachen. Die erste Info war, dass der letzte Bus um 21:00 geht. Da fuhr uns zunächst mal der Schreck in die Glieder, denn das hätte den Besuch des 19:00-Spiels unmöglich gemacht. Dann gab es aber plötzlich doch noch einen Bus um 23:00. Booked! Die zweite Aufgabe war, die Gepäckaufbewahrung zu finden, die es angeblich geben sollte. Nachdem wir von rechts nach links geschickt wurden, sprach Tobias zwei junge Azeri an, die die nächsten 20 Minuten ihres Lebens damit verbrachten für uns und mit uns den Gepäckraum zu suchen. Obwohl auch die Jungs mit ihren Nachfragen bei den Landsleuten mehrfach ins Leere liefen, wollten sie sich ihrer einmal übernommenen Verantwortung nicht mehr entziehen und waren erst zufrieden, als das Gesuchte auch gefunden war. Danke, wirklich sehr nett! Auf dem Weg zurück zur Metro machten wir Rast in einem Cafe und bestellten einen ebensolchen. Für hiesige Verhältnisse eine exotische Order, da eigentlich jeder Tee trinkt. So dauerte es etwas bis wir das Gesöff, ein fürchterliches vorgesüßtes Zeug, vor uns stehen hatten. Zeit, mal auf den Straßenverkehr zu achten. Auf jeden Fall scheint vorrangiges Kaufkriterium beim Fahrzeugerwerb Bild Bild Bild eine gut funktionierende Hupe zu sein. Wenn der geneigte autofahrende Azeri nicht mindestens einmal in der Minute die Gelegenheit bekommt, ordentlich auf die Akustiksignal-Taste zu plästern, fühlt er sich offenbar diskriminiert. Mit der Metro ging es nun wieder Richtung Zentrum. Die 'Baki Metropoliteni' war 1995 leider Schauplatz eines der verheerendsten U-Bahn-Unglücke Bild Bild der Welt. Bedingt durch einen technischen Defekt kam es zum Brand eines vollbesetzten Zuges in Folge dessen 289 Menschen starben. Weitere 269 Personen wurden verletzt. Wir schlurften nun ein wenig durch die zwar kleine aber doch interessante Altstadt, nahmen den 'Palast der Schirwanschahs' mit der angrenzenden Moschee ein wenig genauer unter die Lupe und landeten schließlich an der Uferpromenade, die mit einem breiten Grünstreifen der Naherholung dienen soll. Mir fiel auf, dass das Wasser deutlich sauberer war, als noch bei meinem letzten Besuch. Auch auf den vor drei Jahren alles beherrschenden Öl-Geruch, der an der Promenade extrem wahrzunehmen war, musste man sich nun sehr konzentrieren, wenn man ihn bemerken wollte. Als nächstes trieb es uns in ein türkisches Restaurant, da uns schon den ganzen Tag ein Döner-Hunger quälte. Das die Döner-Tasche aber etwas spärlich gefüllt war, erlaubten wir uns eine Nachbestellung diverser Speisen. Schlauerweise mal wieder ohne vorher die Preise abzuchecken, so dass die Rechnung für ein wenig Verärgerung sorgte. Aber irgendwie auch selber Schuld. Es war nun circa 19:00 und da der Akku immer noch auf Notstrom lief entschieden wir uns, den Abend mit Zimmerbier zu gestalten. Gar nicht mal so einfach. Im ersten Mini-Markt gab es nur Softdrinks, so dass wir auf dem Absatz kehrt machten und diesen wieder verließen. Das bekam ein Kunde mit, der ganz gut des Englischen mächtig war und uns fragte, wir suchen würden. Kurz unser Anliegern vorgebracht und schon war sein Helfer-Syndrom geweckt. Die nächste Viertelstunde rannte er kreuz und quer mit uns durch die an das Hotel grenzenden Straßen, um Bier für uns aufzutreiben. Zwischendurch wurde es skurril, als wir im selben Restaurant von heute Mittag landeten und der Wirt anbot, uns Bier in eine leere Granini-Flasche zu zapfen, da er kein Flaschenbier hatte. Allerdings lag der Fehler bei uns, da wir ahnungslos einfach eine Biermarke genannt hatten, die es aber auch gar nicht in Flaschenabfüllung gab, wie uns irgendwann aufging. Als wir hinsichtlich der Marke flexibler wurden, war auch bald ein Mini-Markt gefunden, der unsere Sucht befriedigen konnte. Mit Lesen, Internet und unverständlichem Fernseh-Programm klang der Abend beim Verzehr lokaler Braukunst aus.

Sa. 28.09. 16:00 – FK Baki vs FK Sumqayit 1:0 (Premyer Liqasi), 500 Zuschauer (20 Gäste)
Sa. 28.09. 19:00 – Neftci Baki PFK vs FK Qarabag Agdam 0:0 (Premyer Liqasi), 2.500 Zuschauer (700 Gäste)


Für 8:30 hatten wir mal wieder den Wecker beauftragt. Wenn's nach mir gegangen wäre, hätten wir mal länger pennen können aber die anderen beiden wollten noch ein bisschen was von Baku sehen. Ist ja letztlich auch richtig so. Heut war dann auch endlich wieder Fußball angesagt. Aber was heißt 'endlich'? Die paar Tage ohne Fußball waren richtig angenehm und wenn man irgendwo wohl keine Gekicke braucht, um sich ne Tour zu versüßen, dann wohl in dieser Region, die wahrhaft genug Reize zu bieten hat. Aber okay natürlich gehört der Fussi dazu und letztlich ist das ja nun auch einer der Gründe, warum die Reise überhaupt angetreten wurde. Das Frühstück war mal was anderes. Schafskäse und schwarze Oliven hab ich so früh jedenfalls noch nie zu mir genommen. Nur wieder der Wiederholungsfehler mit dem Kaffee. Verdammt - jedes Mal, wenn ich dieses vorgesüßte Zeug in der Tasse vorfand, nahm ich mir vor, beim nächsten Mal Tee zu bestellen. Wieder verpasst. Unser Gepäck ließen wir im Hotel zurück und fuhren mit der Metro zwei Station bis zur Endstation 'Iceriseher', was ja nichts anderes heißt, als 'Altstadt'. Bild Von dort latschten wir in aller Ruhe zum 'Funicular' mit dem man zu einer parkähnlichen Gedenkstätte oberhalb des alten Stadtkerns gelangt. Von dort hat man einen phantastischen Blick über beinahe das gesamte Stadtgebiet. Neben der Anlange stehen die im letzten Jahr vollendeten 'Flame Towers' - drei vollverglaste knapp 190 Meter hohe Türme die den Eindruck einer lodernden Flamme erwecken. Bild Bild Heut war zwar ein ganz ordentlich warmer aber auch wahnsinnig stürmischer Tag, so dass man gerade auf dieser Anhöhe das Gefühl hatte, dass es einem gleich das Toupet von der Kartoffel reißen würde. Also nix wie runter über gefühlt 1000 Treppenstufen hinab zur Altstadt. Bild Nächster Anlaufpunkt war der Jungfrauenturm, dessen Namen von einer Legende herrührt. Demnach soll sich eine Prinzessin vom Turm ins Meer gestürzt haben, um einer nicht gewollten Eheschließung zu entgehen. Muss n Hammersprung gewesen sein, Bild denn das Wasser ist vom Turm gute 200 Meter entfernt. Nachdem das Döner-Erlebnis vom Vortag wenig zufriedenstellend war, gaben wir einem anderen Etablissement eine neue Chance. Dort war es zwar besser aber bei weitem nicht das, was wir uns erhofft hatten. Mann, wir waren doch hier nahe an der Quelle. Normal sollte doch hier eine Döner-Plantage neben der nächsten stehen. Warum zum Teufel bekamen die so ne ordentliche Tasche denn nicht hin. Gut, dass es nur noch wenige Tage waren, bis ich in der Mittagspause dem Döner-Mann meines Vertrauens auf der Altenessener Straße wieder einen Besuch abstatten konnte. Nun wurde es Zeit, das Gepäck zu holen. Mit der Metro fuhren wir dann wieder Richtung Busbahnhof, nur dass wir das letzte Stück nun nicht liefen (war gar nicht mal so ungefährlich, so an der Schnellstraße entlang ohne befestigten Gehsteig) sondern in den Linienbus investierten. 20 Qepik, knapp 19 Euro-Cent, sollten uns da nicht in den Ruin treiben. Das Gepäck wurde sicher untergebracht und weiter gings mit dem Bus zum nur 1,5 Kilometer entfernten - Achtung! - 'Baki FK-nin Telim-Mesq Bazasinin Stadionu'! BAMM! Das ist mal n Name. Ändert aber nix daran, dass es sich um kleines reines Fußballstadion handelt, das noch nicht einmal fertiggestellt ist. Bild Die schmucke kleine Haupttribüne, die beidseitig benutzbar ist (also auch zum Nebenplatz) sieht sich einer Tribüne gegenüber, der Oberrang und Dach noch fehlen. An östliche Hintertorseite befindet sich hinter einem Fangzaun das Club-Gebäude und auf der anderen Seite befindet sich eine - im Verhältnis zum restlichen vorhandenen Ausbau - recht hohe Tribüne, die aber wohl auch noch ein Dach erhalten wird, wenn ich die baulichen Zwischenstand richtig gedeutet habe. Bild Wenn man das neue Club-Gebäude und die fein rausgeputzte Akademie sieht, wird der Verein wohl ganz gutes Geld zur Verfügung haben. Die Jugendspieler werden sogar mit vereinseigenen Bussen zum Training und zum Spiel gekarrt. Zum heutigen Spiel der 'Premyer Liqasi', der höchsten Spielklasse des Landes, empfing der FK Baku den Tabellenletzten aus Sumqayit, einer Stadt, die nur etwa 25 Kilometer nordwestlich liegt und die aufgrund der vorhandenen chemischen Industrie, die ohne jede Rücksicht auf Umweltschutz so billig als möglich produziert, den traurigen Titel trägt, zu den zehn schmutzigsten Städten der Welt zu gehören. Durch die Chemieabfälle ist die Stadt schwer belastet und weist extrem hohe Krebsraten und hohe Zahlen an Missbildungen bei Neugeborenen auf. Bild Traurig, dass ein verhältnismäßig reiches Land wie Aserbaidschan es nicht für nötig halt, die Situation zu verbessern. Hier wird die breit definierte Regierungsform der Präsidialrepublik wohl doch eher zum Wohle der Regierung als zum Wohle des Volkes verwendet. Knapp zwanzig eher jugendliche Fans hatten ihr Team aus der Umwelthölle begleitet und versuchten dieses vergeblich zum Siegen zu animieren. Feiern durften am Ende nicht unverdient die etwa 50 aktiven Fans der Heim-Mannschaft, die gemessen am Erwarteten eigentlich optisch wie akustisch recht gut supporteten. Das auf dem Pitch gebotene war nicht wirklich übel aber auch nicht richtig gut. Zur seichten Unterhaltung war das Gesamtpaket durchaus geeignet. Wenn ich in der Kantine nicht wieder den Fehler mit dem Kaffee gemacht hätte...! Da wir uns der Herausforderung stellen wollten mit Bus und Metro zum zweiten Spiel zu gelangen, war nach dem Schlusspfiff Eile angesagt. Mein Vorschlag, die vier Minuten Nachspielzeit zu ignorieren und zeitig zu starten, wurde von Fraktion Köln gnadenlos niedergepfiffen, was sich noch rächen sollte.

Nachdem wir zur Schnellstraße gehetzt waren, kam auch zügig ein Bus zur Metro-Station. Der dortige Anschluss klappte ebenfalls sehr gut und wir erreichten wenige Minuten vor 19:00 unsere Zielstation 'Khaldlar Dostlugu'. Von dort waren es nur wenige 100 Meter zum Stadion. Als wir den Vorplatz erreichten, stellten wir zu unserer Freude fest, dass wir endlich mal Eintritt bezahlen durften. Endlich eine Eintrittskarte, für mich persönlich eine wichtige Trophäe. Da es nun ziemlich genau 19:00 war stürzten wir zum Tickethäuschen und zeigten hektisch auf die günstigste Kategorie auf dem an der Scheibe klebenden Stadion-Schema, die vier Manat kosten sollte. Alle anderen Kategorien lagen höher als zehn Manat. Spätestens jetzt hätten wir Verdacht schöpfen sollen. Der Typ in der Bude arbeitete uns natürlich viel zu langsam und unsere nervöse Art machte das auch nicht besser. Alex sagte noch "Jetzt bekommen wir Aserbaidschan gegen Nordirland". Sah ich dann auch, verunsicherte mich aber nicht weiter. Bild Wäre nicht das erste Mal, dass in der dritten Fußballwelt dass alte Spiel-Tickets verwendet würden. Kurz danach waren wir stolze Besitzer dreier Kurven-Tickets für die WM-Quali-Partie zwischen den Azeri und den Nordiren. Meine Fresse, schön dämlich! Hätte man sich das Ground-Schema mal genau angesehen, wäre leicht aufgefallen, dass über diesem dick aud die betreffende Partie hingewiesen wurde. Was mag sich nur der Ticket-Mokel gedacht haben, dass da drei Europäer auftauchen und völlig unter Strom Karten für ein Spiel fordern, dass erst zwei in Wochen stattfinden sollte. Geile Nummer . Da wir uns nicht nochmal anstellen wollten, mogelten wir uns mit den Tickets irgendwie rein. Der Anpfiff war mittlerweile ertönt, als wir im Ground waren, lief die vierte Spielminute. Remember: Nachspielzeit beim Nachmittagskick. Gut, dass in so fernen Ländern die Groundhopping-Polizei nicht so oft anwesend ist. So blieb diese Sünde unbemerkt. Also ich bin da ja eh nicht so streng und es macht mir nichts aus, wenn ich mal ein paar Minuten später eintrudel. Aber wenn man einen Doppler machen will und die Zeit zwischen den Spielen knapp ist, verpasse ich im Zweifel lieber die letzten Minuten des vorigen Spiels anstatt die ersten Spielzüge der zweiten Partie. Bild Regulärer Eintritt für dieses Spiel war übrigens ein Manat, knapp 95 Cent. Als wir noch draußen standen, rummste erst einmal ein ordentlicher Böller durch die Hütte. Okay, es war das Verfolger-Duell Zweiter gegen Dritter und Neftci und Qarabag sind sicher die beliebtesten Clubs des Landes, aber ernstzunehmenden Support oder pyrotechnische Gegenstände hatte ich sicher nicht erwartet. Bild Aber es waren zum einen deutlich mehr Zuschauer im nagelneuen All-Seater und zum anderen wurden beide Teams von einer etwa 80-köpfigen ordentlich Gruppe supportet. Von welcher Seite der Böller kam, war nicht festzustellen, aber Neftci zündete im Laufe des Spiels noch zwei Mal ein Bengalo. Immerhin! Es war auch durchaus Feuer in der Partie und die Brisanz und Rivalität zwischen den Gruppen war zu spüren. Aber man kennt das Dilemma - immer dann wenn man mal dringend ein Tor braucht, fällt keins. Lediglich eine halbherzig bejubelte Abseits-Bude gabs zu bestaunen. Verdammt. Torlos ging es zu Ende. Die 'Bakcell Arena' wurde erst Ende 2012 fertiggestellt und ist ein reines Fußballstadion für 11.000 Besucher. Eigentlich viel zu groß, aber mal sehen, was Neftci noch so vor hat. Neftci ist der traditionsreichste Verein des Landes und war zu Sowjet-Zeiten über Jahrzehnte in der höchsten russischen Spielklasse vertreten, allerdings ohne Titel zu gewinnen. Heute ist Neftci zwar der führende Club des Landes, aber darüber hinaus gibt es natürlich wenig zu bestellen. Zumindest konnte der Verein in der letzten Saison auf sich aufmerksam machen, als man überraschend die Gruppenphase der Europa League erreichte, in der die Mannschaft zwar sieglos blieb, aber ein beachtliches 2:2 bei Inter Mailand erzielen konnte. Wir verschenkten noch unsere Länderspiel-Tickets an ein drei Kinder, was zur Folge hatte, dass direkt die nächsten drei ankamen und auch welche haben wollten. Keine Chance. Für uns war nun der Rückweg zum Busbahnhof angesagt. Und wieder war Hektik angesagt, da die Gepäckaufbewahrung um 22:00 die Pforten schloss.

Zehn Minuten vor 22:00 kamen wir dort an und die Ernüchterung war groß, als wir den Gepäckraum bereits verschlossen sahen. Frustriert hämmerte ich zwei, drei Mal gegen die Tür, als ich eine beschwichtigende Stimme aus dem Hintergrund vernahm. Der Gepäck-Opi war in der Nähe und hatte uns gesehen. Schwein gehabt. Ich sah mich schon mitten in Baku die Tür zu einem Gepäckraum aufbrechen. Vor der Abfahrt hatten wir nun noch ausreichend Zeit, etwas zu essen. Die Sprachbarriere war zwar wieder hinderlich aber dann lief es ähnlich wie am Vortag. Es wurde geklärt, dass DiWa und ich Fleisch wollten und Tobias eben nicht. Im Ergebnis bekamen wir das Gleiche wie am Vortag. Rindfleischsuppe für die Fleischgemeinde und Salat und Pommes für den Pflanzenfresser. Auf der Suche nach dem Bus stellten wir dann fest, dass es drei Busse waren, die zeitgleich ab- und dann in Kolonne fuhren. Bild Ein flatschneuer Mercedes-Bus und zwei Modelle aus den 80ern. Und was machen die deutschen Dödel? Völlig fehlgeleitet landete man im 85er Setra-Oldtimer. Naja, so hatte man wenigstens das Aserbaidschan-Feeling mitgebucht. Die auf den Tickets notierten Sitzplätze waren nix wert. Die beiden etwas älteren Fahrer sortierten die Passagiere im vollbesetzten Gefährt nach eigener Regie - Widerspruch zwecklos. Es sei aber vorweg genommen, dass die beiden Lenker ganz okay waren. Alles war ein wenig eng, aber half ja nix. Beinahe pünktlich ging es los. Der Versuch zu schlafen ging erst einmal deutlich schief. Die beengte Situation, laut quatschender Hintermann und Kopf-Kino vom Erlebten ließen mich nicht zu Ruhe kommen. Die Beschaffenheit und Ausbau der Straßen waren gut und wir kamen ganz gut voran. Prognostiziert waren für die Fahrt elf bis zwölf Stunden inklusive Grenz-Gemokel. Nach zwei Stunden wurde eine kurze Rast eingelegt und als es nach einer halben Stunde weiter ging, konnte ich auch endlich einigermaßen pennen. Richtig wach geworden bin ich dann erst wieder beim Tank-Stopp wenige Kilometer vor der Grenze. Dort wurde es dann ein wenig nervig. Die Grenze muss dann mit Gepäck zu Fuß gequert werden, was etwas nervig ist, da 'in die Reihe stellen' auf kaukasisch offenbar heißt, dass sich alle in den Pulk vor den Schaltern drängeln. War aber letztlich wieder alles unproblematisch.

So. 29.09. 16:00 – FC Dinamo Tbilisi vs FC Merani Martvili 4:2, (Premyer Liqasi), 700 Zuschauer (150 Gäste)

Bild Um circa 7:00 erreichten wir dann schon den 'Ortachala'-Busbahnhof, nach (unter Einbeziehung des Zeitzonen-Unterschieds) nur neun Stunden Fahrt. Nicht schlecht. Busfahren nimmt also im Vergleich zum Zug nur die halbe Zeit in Anspruch, ist aber natürlich nicht so bequem und kultig. Am Vortag hatten wir uns noch ne Bruchbude für die kommende Nacht gebucht, die schon auf halbem Wege zum Flughafen lag. Bild Für 60 Manat, also knapp 27 Euro, gab es ein Dreibett-Zimmer mit Bad, so dass wir wenigstens ein paar Stunden schlaf in der kommenden kurzen Nacht haben konnten. Und vor allem konnten wir uns nach der Nachtbus-Fahrt auch duschen. Check-in wie üblich erst ab frühem Nachmittag. Aber fragen kostet ja nix. Mit dem Taxi fuhren wir für fünf Lari zur Luxus-Auberge 'Leader'. Unser Weg führte zunächst an der Rückansicht vorbei, was Zweifel aufkommen ließ, ob die Butze überhaupt noch in Betrieb war. Die ganze Gegend war nicht unbedingt die feinste Adresse in Tbilisi. Die Unterkunft war dann aber solide und sauber und dem Preis angemessen. Und das Beste war, dass uns die etwas verschlafen wirkende Hotelfachkraft uns in Windeseile das Zimmer fertig machte, so dass wir uns bis zum Mittag ablegen konnten. Schon wieder Schwein gehabt. Nachdem wir uns dann aus dem Bett gequält hatten, machten wir uns auf zu dem Restaurant, dem wir schon am Dienstag einen Besuch abgestattet hatten. Die Qualität von Bier und Speisen hatte sich nicht geändert. Ich bestellte mir ein 'Chkmeruli', gebratene Hähnchenteile in Knoblauch-Sahne-Soße. Geschmacklich ein absoluter Kracher. Dazu geb es das typische Maisbrot. Danach war ich pappsatt. Bild Es gab noch ein, zwei Bierchen hinterher und dann machten wir uns auf den etwa 40-minütigen Weg zum 'Boris-Paichadze-Stadion', das seit einigen Jahren in 'Dinamo-Arena' umbenannt wurde. Bild Die Gegend zwischen der Bahnstrecke und dem Stadion ist schon krass. Riesengewimmel, üble Wohnblocks, merkwürdige Szenerie. Das Stadion ist ein großes, zweirangiges Rund. Der obere Rang ist rundherum komplett überdacht. Nach diversen Umbauten passen aktuell knapp 55tsd Menschen hinein. Das war schon mal anders. Ende der 70er schrien 110tsd Georgier Dinamo zum Sieg gegen Liverpool. Der Ursprung des Stadions liegt in den 30er Jahren. Ich empfehle, das Foto des alten Dinamo-Stadions im entsprechenden Wikipedia-Artikel anzusehen. Traumhaft schön! In den 60ern wurde das alte Stadion dann beinahe komplett abgerissen und der Bau des neuen Stadions begonnen. Segmente des alten Stadions sollen in das neue integriert worden sein, was sich mir optisch allerdings nicht erschloss. Bild Mit Dinamo Tbilisi verhält es sich wie mit dem Ararat und Neftci - man war zu Zeiten der Sowjetunion Mitglied der höchsten Liga. Dinamo musste nach dem Aufstieg Ende der 30er Jahre bis zur durch das Ende der Sowjetunion bedingten Auflösung der russischen Liga nie aus der höchsten Spielklasse absteigen. Zwei Mal konnte man den Meistertitel und den Pokal erringen. 1981 gelang sogar der Gewinn des Europapokals der Pokalsieger im Endspiel gegen Carl-Zeiss Jena im Düsseldorfer Rheinstadion. Diese Erfolge sind heute nur noch blasse Erinnerung von denen nur noch eindrucksvolle Fotografien im benachbarten Restaurant zeugen. National ist man zwar der führende Club, aber international hat man sich auf dem Niveau der benachbarten Nationen einsortiert. Knapp 700 Leute waren zum heutigen Spiel des Tabellenführers gegen den Viertplatzierten aus dem Westen des Landes gekommen. Ein blanker Hohn, wenn man sich vor Augen führt, welche Zuschauermassen der Verein noch vor dreißig Jahren bewegt hat. Und wie in Yerevan konnte man die Frage stellen, warum für so eine traurige Kulisse dieses Riesen-Oval aufgeschlossen und das Licht angemacht wird. Aber auch hier lautet die Antwort: Tradition! Es war halt schon immer das Stadion der Dinamos. Bild Bild Die Gäste, denen gut 150 Leute, die aber wohl kaum alle die annähernd 300 Kilometer aus dem Westen Georgiens angereist waren, die Daumen drückten, erwischten die Gastgeber kalt und gingen nach drei Minuten in Führung. Der Ausgleich fiel aber bald und nach dem Seitenwechsel ließ der amtierende Meister nichts anbrennen. Auch der zwischenzeitliche Anschlusstreffer brachte Dinamo nicht aus der Ruhe. Und auch deren Anhänger nicht. Etwa 100 Aktive legten optisch und akustisch einen ordentlichen Support hin. Man schien bei 'Youtube' gut aufgepasst zu haben, denn 90% des Liedguts kennt man auch aus dem Rudolf-Harbig-Stadion zu Dresden. Nach dem Spiel verschlug es uns in das angesprochene Restaurant, wo wie ein paar im eigenen Hause gebraute Biere schlürften und uns die frühere Partie des Bundesliga-Sonntags ansahen. Es waren nur wenige Gäste im Restaurant. Trotzdem baute eine kleine Band ihr Equipment auf und begann zu spielen. Die anderen Gäste verschwanden bald, so dass die Band nur noch für uns drei angesoffene Gestalten ihr Bestes gab, wobei wir ja unsere Augen dem Fernseher schenkten. Skurrile Situation. Und auch wir verließen das Etablissement bald, da wir ja vor dem Rückflug noch ein wenig Augenpflege betreiben wollten. Die Metro brachte uns bis zur Endstation und die Füße von dort bis ins Bett.

Mo. 30.09. - Rückflug


Um 2:40 klingelte der Handy-Wecker und um 3:00 saßen wir im vorbestellten Taxi, dass uns für unsere letzten 15 Lari zum Flughafen chauffierte. Im Steigflug drehte die Maschine bei wolkenfreiem Himmel eine Kurve über die noch schlafende Stadt. "Iqawit, kargad Georgia", Tschüß, mach's gut! Du hast mir gut gefallen und ein paar unvergleichliche Eindrücke geschenkt. In 20 Jahren komme ich Dich mit den Roten der CL-Quali wieder besuchen. Naja wird eng – aber einen erneuten Besuch in einigen Jahren will ich nicht ausschließen. Wir verbrachten bei Mau Mau noch die nervigen vier Stunden Aufenthalt in Istanbul und fast pünktlich landeten wir um 12:50 Ortszeit in Düsseldorf.

In Erinnerung bleibt eine Tour, die mir so seit Jahren im Kopf rumschwirrte und die mir nun viel Freude bereitet hat. Landschaften, Leute und Kultur waren wieder mal eine Bereicherung. Und mit dem 'Hrazdan' und dem 'Paichadze' durfte ich, wie gewünscht und erhofft, die beiden Stadion-Perlen der jeweiligen Länder genießen. Hiermit sende ich noch einen Riesen-Dank in den Kreis Heinsberg und nach Aachen für gute Stimmung, viele Späße und gegenseitige Hilfe. Gerne wieder in dieser Besetzung irgendwo hin, wo man sich fernab von mitteleuropäischem Ordnungsdrang treiben lassen kann.

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(Manni Breuckmann)